Aktuelles:

Unsere aktuelle Neuerscheinung:

 "die horen", Band 238:  

Cover horen 238 DER VORABEND ALLER PRACHT /
Eine Lesereise durch zwei Jahrhunderte argentinischer Erzählkunst
und Poesie.

Ausgewählt und zusammengestellt von Michi Strausfeld /
Mit Bildern von Alberto Heredia & zeitkritischen Cartoons
von Martin Kovensky /
Redaktion: Johann P. Tammen

Jorge Luis Borges, den Magier, Zauberer, Phantasten, den großen argentinischen Weltenvermesser und Patriarchen im Lande Sur als einen Nörgler, Grantler und humorresistenten Besserwisser einzuschätzen, geht wohl fehl. Dennoch zeiht er (im Gespräch mit Osvaldo Ferrari) seine Landsleute unumwunden und wohl auch einverständig amüsiert der Humorlosigkeit - oder könnte zumindest so verstanden werden, wenn er sagt: »Ah, das ja, das Fehlen von Humor und die feierliche Steifheit, eines unserer Übel, nicht wahr, das sich in so vielen Dingen zeigt.«
Und er gibt gleich auch Beispiele: »Zum Beispiel gibt es wohl kaum ein Land mit einer so kurzen Geschichte wie Argentinien - es sind ja kaum zwei Jahrhunderte -, und trotzdem werden wahrscheinlich nur in wenigen Ländern die Leute derart überschüttet mit Jahrestagen, vaterländischen Terminen, Reiterstandbildern, mit Huldigungen für ruhmreiche Tote.« (Man bestaune in diesem Kontext unbedingt auch die respektlos-heiteren Bildhauer-Frechheiten Alberto Heredias und die satirische Hellhörigkeit Martin Kovenskys.)
 

Borges kommt im aktuellen horen-Band nur am Rande vor, in einer Zitatenspur - und (als horen-Retro) als Mitwirkender in einer filmischen Rarität: Borges - Ein südamerikanisches Schicksal, siehe auch die horen, Band 233/2009. Und dennoch - ließe sich nachweisen - hat man ihn bis heute überall klarspiegelnd wie auch verklärend im Blick.
Hier aber, in der sorglich von Michi Strausfeld komponierten Auswahl unterschiedlicher Texte aus dem literarischen Kosmos Argentiniens, fußt sozusagen alles auf einigen wenigen Gründertexten: Esteban Echeverría, Ricardo Güiraldes, Lucio V. Mansilla, Leopoldo Lugones und Alfonsina Storni; hier, im deutschsprachigen Raum, bisher wenig oder gar nicht vermittelte Größen der argentinischen Identitätsstiftung.

VON DER »GRÜNDER-GENERATION« ÜBER DIE »KLASSIKER« BIS HIN ZU »EINIGEN ZEITGENOSSEN«: ARGENTINIEN ENTDECKEN!

»Argentinien zu entdecken, die Neugier des deutschen Publikums für Lateinamerika ( nach dem Boom der 60er und 70er Jahre ) wieder zu wecken, ist nicht nur ein Wunsch, sondern eine aktuelle Chance.« So betont es Michi Strausfeld mit Nachdruck im Editorial zum neuesten buchdicken horen-Band 238, der sich nunmehr frühzeitig in den bunten Reigen spannender Novitäten zum diesjährigen Frankfurter Buchmessen-Schwerpunkt Argentinien als eine eindrucksvoll vielgestaltige Anthologie mit dem Anspruch größtmöglicher Informationsvielheit und anregender literarischer Kreativität einreiht.
45 Autorinnen & Autoren und zwei rühmliche Künstlerpersönlichkeiten aus Argentinien begründen mit ihren Werken diese eindrucksvolle Facettierung; 20 hochkompetente Übersetzerinnen & Übersetzer bürgen für einen gelungenen Poesietransfer - und geben so die Gewähr für einen ungetrübten Lesegenuss auf der horen-Lesereise durch zwei Jahrhunderte argentinischer Erzählkunst und Poesie.

Michi Strausfeld - engagiert unterstützt von den knapp zwei Dutzend kundigen Übersetzerinnen & Übersetzern dieser horen-Revue - gelingt es überzeugend, ihre Offerte für eine inspirierende Lesereise durch zwei Jahrhunderte argentinischer Wirklichkeit und Wirklichkeitsverrückung in der Zäsurierung einer Drei-Etagen-Auswahl zu verdeutlichen:
Der »Gründer-Generation« nachfolgend lässt sie so in einem großen Bogen »Die Klassiker« (Macedonio Fernández, Julio Cortázar, Roberto Arlt, Manuel Mujica Láinez, Norah Lange, Rodolfo Walsh, Manuel Puig, Olga Orozco, Alejandra Pizarnik u.a.m.) auftreten - und denen sodann schlüssigerweise »Einige Zeitgenossen« (Juan Gelman, Ricardo Piglia, César Aira, Elsa Osorio u.a.m.) - und dokumentiert so zugleich auch die verschiedenen Phasen heftigster Literaturstreits und die wirkmächtigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Stilrichtungen (Boedo zum Exempel und Florida, also »engagierter« versus »abgehobener« Literatur): »Echos dieser Auseinandersetzungen hallen bis heute durch die Wortlandschaften der argentinischen Literatur«, betont sie - und belegt das durch ihre Auswahl anschaulich und nachvollziehbar.

»Die zweite Jahrhunderthälfte«, so verdeutlicht es die Herausgeberin im weiteren, »wartet mit einer immensen Vielzahl von bedeutenden Autoren auf, die inzwischen allesamt verstorben sind. Hier entstand ›Weltliteratur‹« - und dennoch fehlen hier Namen und Werke, wofür allein der Platzmangel und andere geläufige Zwänge, die derartige Editionsvorhaben begleiten, anzuführen sind. Dennoch ist hier eine wegweisende Dichte und Vielfarbigkeit gelungen komponierter Stimmen, Erfahrungsnuancen und Haltungen als Entdeckerausbeute zu würdigen.
Und so spiegelt diese Auswahl zugleich auch auf einsichtige Weise die Geschichte des Landes mit ihren wahrlich wuchtigen Problematiken, Krisen und Erschütterungen, die nicht selten in aufwühlenden zeitlosen Anklagen verhandelt werden - und fortgeschrieben erscheinen bis hin zu den Exilerfahrungen vieler verfolgter und Folterungen, Eliminierungen und der Zensur unterworfenen Autoren während der Militärdiktatur (1976-83) und den Folgen des Staatsbankrotts (2001). Umso erstaunlicher das heutige Bild. Michi Strausfeld: »Die Kreativität der Argentinier ist unübersehbar, verblüffend, omnipräsent.« Argentinien fasziniert!


Mit Beiträgen (Lyrik, Prosa & Essay) von
Eduardo Ainbinder, César Aira, Roberto Arlt, Edgar Bayley, Antonio di Benedetto,
Adolfo Bioy Casares, Fabián Casas, Julio Cortázar, Edgardo Cozarinsky,
Esteban Echeverría, Ezequiel Martínez Estrada, Macedonio Fernández, Juan Filloy,
Roberto Fontanarrosa, Sara Gallardo, Juan Gelman, Oliverio Girondo, Ricardo Güiraldes,
Manuel Mujica Láinez, Norah Lange, Leopoldo Lugones, Eduardo Mallea, Lucio V. Mansilla,
Leopoldo Marechal, Tomás Eloy Martínez, Laura Meradi, Enrique Molina, Hugo Mujica,
Andrés Neuman, Silvina Ocampo, Olga Orozco, Elsa Osorio, Ricardo Piglia, Alejandra Pizarnik,
Patricio Pron, Manuel Puig, Juan José Saer, Beatriz Sarlo, Eduardo Sguiglia, Osvaldo Soriano,
Alfonsina Storni, Luisa Valenzuela & Rodolfo Walsh.


Die Übersetzung der vorstehenden Textauswahl aus dem argentinischen Spanisch wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt durch litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. – Klicken Sie bitte hier um zur Internetseite www.litprom.de zu gelangen.
So dankenswerterweise auch vom Außenministerium der Republik Argentinien im Rahmen des SUR-Programms zur Förderung von Übersetzungen. Verlag + Redaktion der horen danken ausdrücklich.

 
 

 "die horen", Band 237:  

Cover horen 237 DER SPRUNG ÜBER DIE KANTE
»Das Schreiben als Kunst.«

Über den Erzähler Gerd-Peter Eigner
und andere Wort- & Tat-Auffälligkeiten /
Zusammengestellt von Johann P. Tammen.

Das Lob, das der imponierenden, ja, mitunter auch irritierenden meisterlichen Erzählkunst dieses Autors seit nunmehr drei Jahrzehnten anhaltend gezollt wird - und die dennoch bis heute einen Anerkennungsbatzen mehr oder weniger im Schatten des bekanntermaßen sensationslüsternen Literaturlebens hierzulande ausmacht, dieser Überschuss an kundig würdigender Rezensenten-Prosa wurde - Gerd-Peter Eigner betreffend - bis dato noch nie gebündelt, sprich: lesbar aufgehäuft präsentiert.

Dies also endlich einmal in angemessener Weise (wenigstens versuchsweise) zu leisten, war also mehr als überfällig. Im aktuellen horen-Band (237 / Frühjahr 2010) umfasst das lesebuchartig komponierte Dossier über den Erzähler Gerd-Peter Eigner nun knapp die Hälfte des Journal-Umfangs, augenfällig illustriert mit Autorenporträts von Isolde Ohlbaum und Renate von Mangoldt und einer Vielzahl von Fotos »aus dem Schuhkarton« - und üppig grundiert mit Erzählproben des Autors aus seinen bisher fünf veröffentlichten Romanen, die Dorothea Dieckmann (mit Blick auf den zuletzt erschienenen Roman Die italienische Begeisterung) als eine Folge wahrer Geniestreiche rühmt, während Leopold Federmair den potentiellen Eigner-Leser nachdrücklich zu motivieren weiß, indem er glaubwürdig versichert: »Wer Eigner liest, verliert keine Zeit, er gewinnt welche.«
Das Erzählen: Hier sei es zu erleben als die sprachmächtig inszenierte »Erhellung des Abgrunds«, resümmiert Federmair - und schon den ersten, 1978 erschienenen, Roman Golli würdigt er als ein Erzählgebäude, das die Hoffnung nähre »in eine lebensnahe Literatur«, dargeboten mit einem erzählerischen Raffinement sondergleichen und »einer zuweilen schmerzhaften, fast chirurgischen Verfeinerung« und Wortschwelgereien von seltener Intensität.

GERD-PETER EIGNER: EIN SINGULÄRER ERZÄHLER, KONSEQUENT UNANGEPASST ...

»Eigner, als Dichter, begann, indem er von Anfang an da war«, konstatiert Alban Nikolai Herbst in seinem Porträt-Essay zur Romanästhetik Gerd-Peter Eigners - und konkretisiert: »Das ist vielleicht das Erstaunlichste an diesem Schriftsteller, dass er ... bereits mit dem ersten Roman vollständig ausgebildet war, als wäre nun genug erlebt, genügend gesammelt worden, um das folgende Werk auszufüllen.«
Aber Eigner ist nie ein dauerleuchtender Stern am Literaturhimmel gewesen. Herbst: »Wohl kein zweiter deutschsprachiger Gegenwartsschriftsteller ist derart redlos-unumwunden vom Betriebstisch gefegt worden wie er. Während es um andere Unwillige doch wenigstens Diskussionen gab, kam Eigner (zeitweilig) einfach nicht mehr vor ...« »Unbelehrbar«, konsequent unangepasst hielt er, so Herbst, »an seinen radikalen Maximen fest«. Aus Eigners imponierend eigensinnig verfasster Romanwelt kehrt niemand, pointiert Herbst, »gesichert nachhause zurück«. Und letztlich alle, die in diesem horen-Dossier über den Erzähler Gerd-Peter Eigner Lesarten und Deutungswege aufzeigen (neben den schon Erwähnten: Martin Jürgens, Hans-Christoph Buch, Friedrich Christian Delius, Thomas Kunst, Dietger Pforte und Ulrich Horstmann) stimmen damit überein und positionieren Eigner als singulären Erzähler so wie es ihm zukommt, nämlich »in der ersten Reihe« (Ulrich Horstmann).

VOLKER MÄRZ - NEO RAUCH - SARAH HAFFNER: DREI KÜNSTLER, DIE VERBLÜFFEN ...

Dass Kafka lebt, immer noch lebt: Wer wollte das wie glaubhaft machen? In einem bizarr-komplexen Buch mit dem Titel KAFKA IN ISRAEL unternimmt es Volker März in künstlerisch bestechender Manier, uns glauben zu machen, dass Kafkas heutige Existenz belegbar sei. Demnach lebt er, in seinem 126. Lebensjahr - gemeinsam mit seinem Affen Rotpeter - in Israel, genauer: in Tel Aviv. Ein Brief an seine Schwester belegt das, Fotos gibt es, Dokumente ... alles ist künstlerisch wahr. Thomas Deecke und Matthias Reichelt durchleuchten die Faktizität dieser März-originalen Beweisführung - und jedermann ist verblüfft wie viel Denkspiel-Wahrheit hier an den Tag kommt.

Nicht anders das Rätselgeäst der Zeichnungen von Neo Rauch, wie sie jetzt erstmals gebündelt in dem Band Schilfland als WORKS ON PAPER öffentlich wurden: die horen präsentieren daraus eine Auswahl, die Rudij Bergmann feinfühlig aufblättert und - behutsam an ihrer Rätselhaut kratzend - auszuloten versucht. Bergmann: »Autonome Kleinode (und) genau wie die großen Leinwände, ein dauerndes Erinnern an Weltgeschichte, an Pop und Comic ... und an Kindheit.«

Sarah Haffner, augenblicklich mehrfach präsent (mit Bildern in einer großen Ausstellung in der Berliner TAMMEN GALERIE und einem facettenreichen Katalogbuch - Blaulicht - im Berliner Alexander Verlag) - und das alles, weil sie jüngst ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert hat, ist im aktuellen horen-Band die Adressatin einer »Verbeugung«, die ihr als einer fortwährend suchenden multi-engagierten Künstlerin, »die Herz und Verstand als Lot für das Wagnis Leben einfordert« längst zukommt (»Köpfe. Orte. Stille« - Eine Hommage).

Erzählungen von Peter Henning und Phyllis Kiehl, Prosaminiaturen von Ludwig Lugmeier, ein Essay von Wolfram Malte Fues (»Eine kleine Geschichte vom Haiku«), Rezensionen zu neuen Büchern und vor allem neue Gedichte der slowakischen Lyrikerin MILA HAUGOVÁ (Deutsch von Anja Utler) ergänzen den bemerkenswerten Lesevorrat dieser neuen horen-Fracht.

 
 

 
 

 "die horen", Band 236:  

Cover horen 236 »STARKE STIMMEN«
ODER DIE LUST AM SCHÖNEN.

Mit einem Dossier "VEREHRTER SCHILLER!"
Zusammengestellt von Jürgen Krätzer & Johann P. Tammen
Mit Zeichnungen von LUCEBERT & Bildern von HANS WAP.

»Mit welch hartnäckiger Traurigkeit, / fein wie eine Nadel, / durchdringt mich die Erinnerung / an die Zeit, als / unsere ruhige Liebe eine frische Lilie war, / eine weiße Lilie des Frühlings.« - Ein unverhoffter Ton, dürften im ersten Moment der Lektüre dieser Zeilen aus einem 15teiligen Zyklus selbst ausgewiesene Kenner des dichterischen Werkes dieses Autors aufhorchend konstatieren. Denn neben dem bedeutenden sozialrevolutionären Werk Nicolás Guilléns, das man sich hierzulande zuallererst in Erinnerung ruft, fällt der sanftmelancholische Wehmutsgesang des kubanischen Nationaldichters, wie er sich in dieser Sara Casal gewidmeten Elegie ausprägt, schon als ein singulär zu gewichtender herznaher Schmerzton auf. Guillén, 1902 in Camagüey auf Kuba geboren, schrieb diesen Zyklus spät, 1966, nachdem seine langjährige Geliebte Sara Casal die Liebesbeziehung mit ihm beendet hatte. Beide blieben aber bis zu Guilléns Tod (1989) eng befreundet. In den dieser Elegie vorangestellten Widmungszeilen beteuert der Dichter seine »ewige« Liebe und hebt hervor: »Dieses Buch ist für Sie. (Aber) Eigentlich ist es von Ihnen...«
Damals existierte nur das Originalmanuskript und eine Tonaufnahme der Gedichte. 1994 veröffentlichte der Guillén-Spezialist Keith Ellis eine spanisch-englische Ausgabe in Kanada, für die Sara Casal die Erlaubnis erteilt hatte. Seit 2006 existiert auch eine Einzelveröffentlichung mit CD in Spanien. - Silke Kleemanns Version von En algún sitio de la primavera: Elegía (»Irgendwo im Frühling - Elegie«) ist eine deutsche Erstveröffentlichung und als solche eine horen-Novität, die dazu taugen dürfte, Guilléns vielschichtige Poesie (als eine vornehmlich und vital dem politischen und sozialen Engagement geschuldete dichterische Haltung) neu in Augenschein zu nehmen.

Und gleich zwei weitere horen-Erstveröffentlichungen fallen beim Durchstöbern der aktuellen 236. Ausgabe als Besonderheit ins Auge: Gedichte und Zeichnungen LUCEBERTs aus dem Nachlass des bedeutenden niederländischen Künstlers, dessen 15. Todestag in diesem Jahr zu würdigen ist, sowie Bilder und Gedichte von HANS WAP, der ebenfalls als eine beachtliche Doppelbegabung von bemerkenswerter Originalität zu preisen, hierorts aber leider noch wenig bekannt ist. Beider Präsentation in den horen ist der kundigen Übersetzerin Rosemarie Still zu danken. - Lucebert, den »Erneuerer der niederländischen Lyrik« würdigt Hans Groenewegen als »Mensch im Paradies - in einem vollkommen gleichwertigen Spiel mit Luft, Wasser, Erde und Feuer.«

»Nie hat er sich Wachs in die Ohren gestopft.« - Mit dieser jubelnden Headline überschreibt Sibylle Cramer ihren rühmenden Nachruf auf den am 2. August 2009 verstorbenen Dichter und Gegensinnigkeitsexperten Adolf »Eddi« Endler - und hebt hervor: »Habhaft wurde man seiner so leicht nicht. (...) Mit der Gegensinnigkeit des Komischen unterlief er die offiziell als Fortschrittsprozess gedeutete Geschichte der DDR und stellte ihr die sinnlich unmittelbare Erfahrung offener, gelebter Zeit entgegen.« - In einem langen, kreuz und quer durch dieses ungewöhnliche Schriftsteller-Leben lotenden Gespräch mit Endler markiert Jürgen Verdofsky viele Facetten dieser »rätselhaften Existenz«.

»VEREHRTER SCHILLER ... AUCH WAGTEN SIE AFFRONTS ...«

»Starke Stimmen« also werden hier hörbar - und künden von der »Lust am Schönen«. Und davon wiederum ganz dezidiert spricht vor allem einer, dem die heutigen horen in besonderer Weise verpflichtet sind: FRIEDRICH SCHILLER. - Ihm widmen die horen-Redakteure in einem umfangreichen Dossier zum Ausklang des Schiller-Jahres 2009 mit einem Reigen munterer Umkreisungen des gloriosen Dichtertums und der Ausleuchtung allerlei nicht selten kurioser Zuspitzungen brachialer Klassikerverehrung (bis hin zur böswilligen Vereinnahmung) ihre erhöhte Aufmerksamkeit.

So rekapituliert beispielsweise Evelyn Finger alle Phasen und Verwerfungen der Schiller-Verehrung durch zweieinhalb Jahrhunderte hindurch - und stellt nüchtern fest: »Im Ewigkeitsanspruch der Kunst liegt seit jeher etwas Ketzerisches, aber auch trotziger Selbstbetrug. Denn jeder Dichter, der Ruhm erntet, erlebt zugleich die Fragwürdigkeit des Ruhms. (...) Friedrich Schiller hat das Lächerliche des bildungsstolzen Gedenkens, das Kleinkrämerische der deutschen Klassikerverehrung früh empfunden. (...) - Sein Schicksal als Klassiker: Dichterdenkmal, Zitatenmaschine, Propagandamaterial und Schillerlocke der Nation.«

»Als vornehmster patriotisch gestimmter Freiheitssänger«, dies sodann die Spitze der Perfidie, avancierte Schiller gar zum »Kronzeugen des Nationalsozialismus und zum Tornisterheiligen des totalen Krieges«. Finger ruft als eine »makabere Episode aus dem Dritten Reich« in Erinnerung, das in den Weltkriegsjahren 1942 und 1943 die Anfertigung von Kopien Schillerscher Möbel im KZ Buchenwald veranlasst wurde. Dieter Kühns Dokumentarerzählung Schillers Schreibtisch in Buchenwald belegt diese wahre Geschichte. Und heute: »Die Feuilletons«, moniert Evelyn Finger, »inszenieren ihn an Jahrestagen gern als edle Requisite, um ihn hernach um so gründlicher zu ignorieren.« - Kathrin Schmidt, Kerstin Preiwuß, Andrea Heuser, Ulla Hahn, Michael Buselmeier, Norbert Hummelt, Hans Thill, Wolfgang Krause Zwieback, Martin Lüdke, Armin Mueller-Stahl, Jens Sparschuh u.a.m. tun das im aktuellen horen-Band mitnichten.

Stoffreich und meinungsfreudig schließlich auch die Beiträge im bücherforum, dem Rezensionsteil dieses horen-Bandes: Herbert Wiesner würdigt Johannes Schenk, Gerald Sammet Eugen Gomringer, Christiane Solte-Gresser Herta Müller, Klaus Rek einen neuen Roman Wolfgang Hegewalds - und Marko Martin erinnert an den kürzlich verstorbenen Alexander von Bormann als bedeutenden Germanisten und »Freund der Literaten«.

 
 
 

Große Freude: die horen gratulieren Herta Müller zum Nobelpreis für Literatur 2009! Wir freuen uns über diese so wundersam treffliche Entscheidung, die überdeutlich auch eine bewusste Unterstreichung der Wirkmächtigkeit von Poesie ist. Wir gesellen uns froh zum einhelligen Lobpreis für eine Einhellige!

Diese und andere Arbeiten von Herta Müller finden unsere Leser u.a. in den horen-Bänden 207/2002, 219/2005 und 224/2006. In Band 219/2005 erschien zudem die - gemeinsam mit Oskar Pastior - verfasste Prosastrecke »Vom Hungerengel eins zwei drei« nebst einem Bericht von Ernest Wichner, der in Erinnerung ruft, wie beide, Oskar Pastior und Herta Müller, früh (2002) die Idee für ein Buch entwickelten, »in dem es um die Deportation der Rumäniendeutschen zu Beginn des Jahres 1945 in die Sowjetunion« gehen sollte: »Nicht nachträglich von Gehörtem und Gelesenem verfälschte Erinnerungen, sondern im Erleben gedeutete, überhöhte oder mit phantastischen Beigaben sich selbst kommensurabel gemachte Wahrnehmung« - Heute nachlesbar im Roman »Atemschaukel«.

 

 "die horen", Band 235:  

Cover horen 235 DIE HALLUZINOGENE KATZE /
Träume, Realien - Stimmen & Stimmengewirr aus der Gegenwart Rumäniens.

Zusammengestellt von Ernest Wichner /
Mit Zeichnungen von Tudor Jebeleanu & Vignetten von Dan Perjovschi /
Mit Übersetzungen von Georg Aescht, Michael Astner, Jan Cornelius,
Gerhardt Csejka, Oskar Pastior und Ernest Wichner.
Redaktion: Johann P. Tammen.

Zeichnung Jebeleanu Auf welchem Wege man nicht nach Năneşti gelangt, das lässt sich im Gedicht des rumänischen Lyrikers Ioan Es. Pop nachlesen, aufzufinden im aktuellen horen-Band 235. - Und auf welchem Wege man ab sofort zu einer höchst verlässlichen und garantiert stimulierenden genauesten Kenntnis der frappierend facettenreichen rumänischen Gegenwartsliteratur kommt, das ist auch klar, nämlich durch alsbaldige umfassende Lektüre eben dieses horen-Bandes, zusammengestellt von Ernest Wichner, der auf rund zweihundert Seiten die hierzulande immer noch weitgehend unbekannte jüngere Literatur dieser osteuropäischen Kulturregion anthologisch bündelt und anschaulich macht.

Wichner erläutert einleitend, dass sich die Literatur, ja, der gesamte Literaturbetrieb © Perjovschi im ersten Jahrzehnt nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur »grundlegend verändert« hat: »Die schwerfälligen, der politischen Kontrolle unterworfenen Staatsverlage brachen nach und nach zusammen. Ihre ebenfalls staatlich organisierten Vertriebswege funktionierten nicht mehr, Dutzende, ja Hunderte von Klein- und Kleinstverlagen nutzten die Gunst der Zeit und brachten die verrücktesten und zweifelhaftesten Druckerzeugnisse auf den Markt, dessen Verkaufsflächen im Jahrzehnt zwischen 1990 und 2000 vorwiegend aus auf dem Trottoir der Innenstädte ausgebreiteten Zeitungen bestand.«

»... Reich an Temperamenten, Stimmen und Stoffen ... «

Zeichnung JebeleanuMittlerweile, so führt es Wichner - in die Gegenwart blendend - weiter aus, »gibt es einige solide funktionierende größere Verlage mit zum Teil eigenen Vertriebswegen und Buchhandlungen. Es gibt eine große Zahl junger und jüngster Schriftsteller, deren Bücher unter professionellen Bedingungen verlegt und vertrieben werden ... Die rumänische Gegenwartsliteratur ist in jeder Hinsicht reich: reich an unterschiedlichen Temperamenten und Stimmen, an Stoffen und ästhetischen Spielarten, an Genres und Verfahrensweisen«. - Gleich zwei Dutzend Autorinnen und Autoren, die in diesem horen-Band mit ausgewählten Gedichten und Prosastücken vertreten sind, belegen das zur Genüge. - Unter ihnen auch Mircea Cărtărescu, der mittlerweile (auch deutschen Lesern) bekannteste Schriftsteller nicht nur seiner Generation, der nach nunmehr zehn Jahren sein dreibändiges Romanwerk »Orbitor« abgeschlossen hat; ein Erzählgeflecht von imponierender Weite, »das neben vielen phantastisch anmutenden, postmodernen Wucherungen und Ausweitungen ins Phantastische, in Naturwissenschaften und triviale wie okkulte Theorien und Praktiken auch eine condition und comédie humaine des homo balcanicus der letzten hundert Jahre darstellt« (Ernest Wichner).

Zeichnung JebeleanuDan Lungu und Petru Cimpoeşu beschreiben hellwach und trotzig melancholisch die feinsten Risse und Verschiebungen im Alltagsleben der rumänischen »Übergangsgesellschaft«. - Simona Popescu und Cezar Paul Bădescu - wie auch etliche andere Autoren dieser Generation - haben (ebenso wie Cărtărescu mit seinem schon 1994 erschienenen Roman »Travesti« / Travestien) im Jahrzehnt des gesellschaftlichen Wandels ihren Blick auf den Adoleszenten gerichtet, das Spiegelbild für eine Gesellschaft, »die zwar aus einer Vielheit von Individuen bestand, die aber als ganze ähnlichen Turbulenzen, Ungewissheiten und überzogenen Erwartungen ausgesetzt war«, wie dieser taumelnde »Held«.

Deutlich fokussiert ist der Blick der versierten horen-Scouts in dieser rundum faszinierenden Poesie-Lese auf die Jüngeren: So u.a. auf Ioana Bradea (wahrlich: eine Entdeckung) und ihren raffiniert gebauten und durch rasant forcierte Dialoge bestechenden Telefonsex-Roman »Băgău« (der unübersetzbare Titel benennt - die Mehrfachbedeutung dieses rumänischen Wortes nur unzulänglich wiedergebend - das »Reinsteckding«); auf Daniel Bănulescu andererseits - und seine verrückt-indiskreten Geschichten und Gedichte aus dem Bauch von Bukarest; auf Caius Dobrescus universalistisch konzipierte Großpoeme sowie auf die verschiedenen Beispiele einer höchst bemerkenswerten und eigensinnigen Fortführung der starken surrealistischen Tradition der rumänischen Poesie © Perjovschi (Iulian Tănase) und auf die poetischen Suchbewegungen der Jüngsten: Teodor Dună, Mugur Grosu, T. S. Khasis, Radu Vancu und Claudiu Komartin. - Wie eingangs schon gesagt: Es gibt viele Wege nicht nach Năneşti zu kommen.

Der horen-Band, der im Titel die weise Gestalt der Halluzinogenen Katze (aus den Prosaminiaturen von Iulian Tănase) zitiert, erinnert rühmend auch an den 1995 früh verstorbenen Christian Popescu und an die große Dichterin Mariana Marin, die 2003 im Alter von 47 Jahren in Bukarest gestorben ist, ebenso wie an Constantin Virgil Bănescu, der sich 27jährig im August d. J. umgebracht hat. Nora Iugas Nachruf auf ihn begleitet seine von Oskar Pastior (1927-2006) übersetzten Gedichte, die diese fraglos lohnende horen-Sammlung beschließen.

 

 "die horen", Band 234:  

Cover horen 234 VERGANGEN UND VERGESSEN -
WEIL`S »ZUM LESN NICH (MEHR) LOHNT«?

Revisionen, Entdeckungen & Erinnerungen /
Zusammengestellt von Heiko Postma und Peter K. Kirchhof /
Redaktion: Johann P. Tammen

Im Glücksfall gelingt das noch ein ums andere Mal: das »Umkrempeln« unserer vertrauten - und nicht unbedingt immer ganz und gar vorurteilsfreien - Lesehaltungen. Schon in der Sammlung »Von Büchern & Menschen. Die Fünfte« (Band 212/2003) haben die horen genüsslich eine Kästnersche »Marktanalyse« in Erinnerung gerufen - und dieser eine fraglos fortbestehende Aktualität zugesprochen. Kästner schildert es so:

»Der Kunde zur Gemüsefrau: ›Was lesen Sie denn da, meine Liebe? Ein Buch von Ernst Jünger?‹ - Die Gemüsefrau zum Kunden: ›Nein, ein Buch von Gottfried Benn. Jüngers kristallinische Luzidität ist mir etwas zu prätentiös. Benns zerebrale Magie gibt mir mehr.‹« - Kein Grund also zur Panik: Zumindest Benn bleibt - wie hier bei Erich Kästner belegt - deutlich im Fokus der Leser(innen). Aber dennoch bleibt wohl auch das »Verschwinden des vormals Goutierten aus dem Blickfeld der lesenden Nachwelt« ein Thema. Für die entdeckungsfreudigen Redakteure der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, die horen, jedenfalls augenfällig ja. - Soeben haben sie mit dem aktuellen horen-Band 234 / Sommer 2009 eine weitere Folge aus welchen Gründen auch immer aus dem Blickfeld geratener Lesehappen in anthologischer Vielfalt aufgetischt.

Stomps »Wenn ich tot bin, kümmert sich / Keine Seele mehr um mich ...« klagte einst Werner Heldt im Gedicht - und solche Klage ist beklagenswert oft zu hören. Und nicht weniger oft hört man von Nachgeborenen in beredten Worten vielerlei Beschwichtigungen, dieses oder jenes Werk der sogenannten Schönen Literatur sei eben einfach aus der Zeit gefallen, habe sich überlebt, sei also letztlich zu Recht vergessen und aus guten Gründen keinem Kanon zugehörig.

Außer Kurs geraten? - Und dennoch Zeitgenossen!

Die entdeckungsfreudigen horen-Scouts wollen sich mit diesen - oft eilfertig und sorglos marktkonform postulierten - Erledigungsvermerken zum nährstoffreichen Literaturbestand nicht abfinden - und machen sich stattdessen immer wieder auf, »Verschollenes wieder aufzuspüren, in Vergessenheit Geratenes neu zu sichten, Übersehenes und Übergangenes frisch ans Licht zu ziehen, in Literaturgeschichten Eingesargtes offenzulegen, in Seminaren Lagerndes lustvoll-listig vom Staub der puren Gelehrsamkeit zu befreien».

Und wie stets ist dabei der horen-Bogen weit gespannt: Im aktuellen Auswahl-Band sind auf annähernd 230 redaktionellen Seiten (reich illustriert) Bücher und Menschen aus mehr als 650 Jahren versammelt. Autoren wie Geoffrey Chaucer zum Exempel, dessen weltliterarischer Rang zwar unumstritten ist, dessen Figuren-Kabinett der »Canterbury Tales« aber viel zu lebendig ist (und uns Heutigen durchaus als zeitgenössisches Personal erscheinen kann), um unter den Augen federfuchsender Philologen buchstabendürr zu verkümmern.

Schubart Autoren auch, wie Christian Friedrich Daniel Schubart, die - aufmüpfig, widerborstig, lebensgierig - auch nach mehr als zwei Jahrhunderten noch wirken, als seien sie unsere Zeitgenossen. - Autoren sodann, wie Johann Peter Hebel, der bis vor kurzem noch in allen Schulbüchern präsent war, ganze Lesergenerationen (und eine Vielzahl von Schriftstellern nach ihm, von Walter Benjamin bis W. G. Sebald) begeisterte, doch in jüngster Zeit mehr und mehr außer Kurs zu geraten droht.

Wann haben Sie Ihren Gästen je »Sauerkraut für den gewöhnlichen Tisch« getreu nach dem Rezept der Bestsellerautorin Henriette Davidis serviert? - Sie haben noch nie von dieser Dame gehört, einer Klassikerin dieses Genres? Oder wann wurde uns Verbindendes zwischen Ernst Jünger, Julien Gracq und Dino Buzzati (als drei Kündern der Apokalypse) deutlich? Und wann ist uns der träumende Eduard, eine Wilhelm Busch-Figur, wenig verwandelt auch im Werk Arno Schmidts aufgefallen? Und was wissen wir tatsächlich heute noch aus dem facettenreichen Werk des Lyrikers und Sprachforschers Werner Kraft wachzurufen? Oder Samuel Warren, jemals von ihm gehört? Arno Schmidt befand seinerzeit: »Nee Paul, zum Lesn lohnt er nich!«

Und um schnell auch bis in die jüngste Vergangenheit vorzudringen, den Belehrungs- und Bedenkensvorrat von gestern in Erinnerung rufend, seien mit besonderem Nachdruck aus der horen-Schatzkiste hervorgezaubert: Eine Hommage für Victor Otto Stomps, den Weißen Raben vom Schloss Sanssouris, ein prall illustriertes Memorial für den »alphabethischen Fährtensucher« und wunderlich-anarchischen Büchermacher aus Stierstadt im Taunus. Sodann eine längst überfällige Erinnerung an Günter Bruno Fuchs. Und schließlich ein sorgliches Porträt des schweizer Erzählers und »großen Lebensverneiners voller Lebenshunger« Jürg Federspiel. - Lauter Verweise auf Bücher & Menschen, die die neuerliche Lektüre lohnen!

 

 "die horen", Band 233:  

Cover horen 233 DIE WÖRTER UND IHR ORT /
VON DER (UN)GEWISSHEIT EINER HEIMAT.

Zusammengestellt von Klaus Stadtmüller & Johann P. Tammen /
Mit einer Foto-Serie: Borges als Filmheld & Zeichnungen von Julieta Fradkin


Die Poesie, so war oft von dem großen Geheimnisstifter Jorge Luis Borges zu vernehmen, sei »weniger geheimnisvoll als die anderen Elemente der Weltkugel«. Und doch war es gerade er, der die wahr - nehmbare Welt - von dem Mantel seiner Erzählkunst umhüllt - auf eine unnachahmliche Art als Faszinosum zu arrangieren wusste.Borges Borges, wohl der Fachmann für die Ausforschung der Mysterien der menschlichen Existenz, gilt als ein »von Natur aus zur phantastischen Literatur« neigender Autor, skeptisch gegenüber der »Idee einer realistischen Literatur«, der betont, »dass die phantastische Literatur ein Teil der Realität ist, da ja die Realität alles umfassen muss«. Borges: »Es wäre absurd anzunehmen, die Realität sei nur das, was morgens in den Tageszeitungen steht. Oder das, was andere in den Zeitungen lesen ... Selbstverständlich beginnen alle Literaturen mit dem Phantastischen.«

Borges = Juan Dahlmann / Juan Dahlmann = Borges

BorgesUnd just diesem großen Weltverrätsler und -erklärer, »dem Patriarchen, auf den sie alle, alle blicken« noch irgendeine neue Seite abzugewinnen, ist - wie Klaus Stadtmüller es im Editorial zum aktuellen »horen«-Band unterstreicht - »nicht eben leicht«. Doch da traf es sich - wie in einer glücklichen Fügung - vorzüglich, dass unlängst (was hier im »alten Europa« kaum noch irgendwo wahrgenommen wurde) »ein Film wieder aufgetaucht ist, der dreißig Jahre lang in einer Schublade gelegen hatte und (bis vor kurzem in Buenos Aires und in Madrid) praktisch nie öffentlich gezeigt worden war«.

»Borges + 5 Enkel« / Belegtexte für eine wiederauferstandene Literatur

BorgesFür hiesige Leser stiften nun sozusagen »die horen« die Nebenbühne, einen nachgeordneten Premierenort. Stadtmüller: »Jorge Luis Di Zeo, dem Regisseur, war es 1977 gelungen, den alten und fast blinden Autor von ›Der Süden‹ zu überreden, selbst den Protagonisten seiner Erzählung (Juan Dahlmann in »El Sur« / »Der Süden«) zu verkörpern und daraus - zusammen mit ausführlichen Kommentaren von Borges - eine ganz besondere Hommage an den größten literarischen Sohn der Stadt Buenos Aires zu machen.« - Laura Casanovas erzählt dazu die Hintergrundgeschichte, von den »horen« bebildert mit Stills aus dem Film und weiteren Fotos von den Dreharbeiten und Porträts aus dem Alltag Jorge Luis Borges`. Sinnreich ergänzt wird diese »Ausgrabung« Stadtmüllers durch den erstmaligen Auftritt von »5 Enkeln« Borges`: Gonzalo Garcés, Florencia Abadi, Paula Peyseré und Florencia Abbate mit Lyrik und erzählender Prosa in jeweils deutscher Erstübersetzung, denen sich Patricio Pron mit einer essayistischen Ausmalung des Schreib- und Lebensortes Buenos Aires hinzugesellt. - Dies so auch ein kleiner Vorgeschmack auf den Frankfurter Buchmessen-Schwerpunkt 2010.

»Heimat steht drauf / da bin ich sicher« - Erzähllandschaften mit Menschen

In einer essayistischen Tiefenlotung untersucht Henning Ziebritzki, selber ein höchste Aufmerksamkeit verdienender Lyriker, die Gedichtlandschaften des Heidelberger Lyrikers Michael Buselmeier, der unlängst seinen 70. Geburtstag feiern konnte (»Heimatgraben. Biographie und Geschichte in der Lyrik Michael Buselmeiers«), wo u.a. zu erfahren ist, Varady dass »die Heimat, von der Buselmeiers Gedichte sprechen, der Landstrich (ist), den die Lebenden und die Toten gemeinsam bewohnen ... Man gewinnt den Eindruck«, so Ziebritzki, »als sei es erst dieser Blick in die Gräber, der das lyrische Subjekt zum Sprechen ermächtigt ... In Grabungen heißt es: ›Schau ich die Toten an schau ich mich an‹».
Und von dieser »(Un)Gewissheit einer Heimat« handeln nahezu alle Gedichte, Essaybögen, Erzähl- und Rezensionstexte dieser neuesten »horen«-Ausgabe, die dennoch wie ein anthologisches Bündel unterschiedlichster Wortlandschaften flanierend aufzublättern ist. Da finden sich - neben deutschen Erstveröffentlichungen der Ungarn Szabolcs Várady (»Anfangs glaubten wir ...«) und Péter Hendi (»Olympia«) - neue Gedichte & Poeme von Peter Abromeit, Thomas Böhme, Zsuzsanna Gahse, Torsten Israel, Eckart Kleßmann, Kornelia Koepsell, Gerhard Ochs, Kerstin Preiwuß und Michael Speier sowie Erzähllandschaften von Gerd Fuchs (»Meine beiden Väter«), Martin Kämpchen (»Briefe an Fatima«), Ludwig Lugmeier (»Jack Bilbo - Der bedeutendste Mann von Berlin«), Michael Schulte (»Autobiografische Notiz«) und Johano Strasser (»Liebesspiel«). - Und auch Werner Jungs Porträt-Essay »Industrielandschaft mit Menschen / Erasmus Schöfers Ruhrgebiet« durchschreitet Heimat und wertet den Verlust.

Schließlich, zum Auftakt des umfangreichen bücherforums (mit Rezensionen neuer Bücher von Peer Hultberg bis Martin Walser, Tomas Venclova bis Uwe Kolbe, Caroline Hartge bis Hans Sahl), erscheint eine erzählsatte Reflexion Klaus-Jürgen Liedtkes anlässlich der Arbeit an einem außergewöhnlichen Erzählexperiment, das inzwischen bei Eichborn in der Anderen Bibliothek als Buch erschienen ist: »Die versunkene Welt. Ein ostpreußisches Dorf in Erzählungen der Leute«. - Eine »durchs Erzählen wiederauferstandene Welt« (Peter Urban-Halle). - »Wir sind die Letzten. / Fragt uns aus ...« appellierte einst Hans Sahl. Und dieser Appell sollte so bald nicht verhallen.

 

 "die horen", Band 232:  

Cover horen 232 DAS SCHLICHTE LICHT /
LITERATUR AUS FINNLAND.

Lyrik, Prosa & Essays von 33 Autorinnen & Autoren /
Deutsche Erstübersetzungen.
*** Zusammengestellt von Stefan Moster /
Mit Radierungen von Juho Karjalainen.
Redaktion: Johann P. Tammen.


»Wie finnisch ist sie denn noch, die finnische Literatur?« - So pointiert Stefan Moster im Editorial zum aktuellen horen-Band (Ausgabe 232 im 53. Jahrgang) vor dem Hintergrund globaler Umwälzungen die Frage nach der heutigen Verfasstheit finnischer Gegenwartsliteratur - und betont ebenso lapidar wie unumstösslich: »Sie ist es auf jeden Fall nicht mehr im provinziellen Sinn.« Und Moster weiter: »Aber auch wenn viele finnische Schriftsteller heute auf ihre Unabhängigkeit vom nationalen Kontext insistieren, so wenden sich viele doch der Frage zu, was das eigentlich für Menschen sind, die in diesem Land leben - unter den spezifischen Voraussetzungen seiner Gesellschaft und Kultur.«


Mit Beiträgen (Lyrik, Prosa, Essay)
von Tuuve Aro, Bo Carpelan, Anja Erämaja, Paavo Haavikko, Olli Heikkonen,
Kari Hotakainen, Lars Huldén, Jouni Inkala, Olli Jalonen, Riina Katajavuori,
Taina Latvala, Rosa Liksom, Anna Maria Mäki, Sari Malkamäki, Peter Mickwitz,
Kai Nieminen, Kreetta Onkeli, J.P. Pulkkinen, Hannu Raittila, Mirkka Rekola,
Susanne Ringell, Pentti Saaritsa, Eino Santanen, Juha Seppälä, Raija Siekkinen,
Anni Sumari, Saila Susiluoto, Hannele Mikaela Taivassalo, Petri Tamminen,
Tuomas Timonen, Jyrki Vainonen & Mĺrten Westö.




Juho Karjalainen: Der Zeichner, Radierung, 2003 Wahrlich nur wenige Länder Europas erfreuen sich heute eines derart »ungetrübt positiven« Ansehens, so Stefan Moster über das gegenwärtige Finnland-Image: »Der Schatten der Finnlandisierung hat sich längst verzogen, stereotype Vorstellungen von ewiger Finsternis und sonstigen Unbilden der Natur haben sich in den Erfahrungen der vielen Reisenden aufgelöst, die alljährlich den Norden des Kontinents besuchen. Übrig geblieben ist das Bild von einem Land, in dem eigentlich alles gut ist.« - Wirklich alles? Literatur spiegelt Wirklichkeit - wie wir wissen - in der Regel unerbittlich.

Moster rückt dem horen-Leser die vielschichtige Tatsachen-Landschaft Finnlands vor Augen - und unterstreicht: »Es gibt die tausend Seen noch und die weiten, stillen Wälder ... Zugleich hat sich in den Städten des Südens und Westens skandinavischer Wohlstand auf der Basis von Gen-Tech, High-Tech, Aktien und Optionen festgesetzt, die Arbeitslosigkeit ist gering, der Erfolg im internationalen Bildungsvergleich dafür umso größer. - In Finnland scheinen sich Reinheit und moderne Effizienz mustergültig zu verbinden. Und das nordische Licht - von Feinstaubpartikeln kaum gedimmt - sorgt für ansprechende Beleuchtung.«

Bleibt aber die Frage, der Moster natürlich auch keineswegs ausweicht, »was für eine Literatur unter solchen Idealbedingungen entsteht. Zumal auch in der literarischen Landschaft keineswegs Winterdunkelheit das Wachstum hemmt«!? - Moster: »Nach wie vor gilt das finnische Bibliothekswesen als vorbildhaft, die Bedeutung des Buches als Kulturgut ist in dem Land protestantischer Worttradition ungebrochen, der Buchmarkt lebt, die einheimische Literaturszene nicht minder, neue Verlage werden gegründet, Autoren mit staatlichen Stipendien alimentiert, Bücher sind Gesprächsthema, Schriftsteller Stoff nicht nur für Literatur-, sondern auch für Frauenzeitschriften und den Boulevard.«

Juho Karjalainen: Der Ruderer, Radierung, 2000 Also alles eitel Sonnenschein im nordischen Paradies? Mosters Textauswahl für diesen horen-Band eine fadenscheinige Idyllenmalerei? Sicherlich nicht. - Moster lenkt den Leser-Blick konsequent auch auf Brüchiges - und verweist auf den Themenschwenk etlicher Gegenwartsschriftsteller (vor allem in der Romanliteratur) hin zur Durchdringung der Familienrealität innerhalb der finnischen vier Wände. Die hellsichtigen unter diesen Autoren, so markiert es Moster, »legen dabei das Prekäre des bürgerlichen Paradieses offen, sie entdecken unterschwellige Erosionsprozesse im durchstrukturierten Dasein eines Volkes von Mittelständlern - Prozesse, die nicht nur die individuelle Sphäre betreffen, sondern auch das, was man gemeinhin als gesellschaftliche Wirklichkeit bezeichnet.«

Und spätestens dann, so Moster, »wird plötzlich auch die Abhängigkeit des Wohlstands von Konjunkturschwankungen sichtbar, die Verödung der Provinz und das Aufquellen der Ballungsräume ... der Blick richtet sich auf die hohen Scheidungsraten und auf zunehmende Gewalttaten, auf die grassierende Volkskrankheit Depression und ihr beliebtes, fatales Gegenmittel aus der Flasche.« - Dennoch, auch das rückt Stefan Moster mit dieser horen-Auswahl kenntnisreich zurecht, ist die finnische Gegenwartsliteratur in ihrem primären Selbstverständnis »nicht politisch«. - Viele Autoren, so erklärt er ausdrücklich, scheuen das Attribut ›sozialkritisch‹ wie der Teufel das Weihwasser - »und dahinter steckt nichts anderes als die Sehnsucht nach der Autonomie der Kunst.«

 
 

Begegnung mit einem Unangepassten: Alban Nikolai Herbst
am Buchmessen-Stand der »edition die horen«


»Herzlich willkommen am ›horen‹-Stand Halle 4.1 F 135: ›horen hören‹ - Wein & Gespräche - Lesung & Präsentation« lautete die Einladung der »edition die horen« zum Buchmessen-Freitag (17.Oktober 2008 / 17.00 Uhr) in Frankfurt am Main: Und eingeladen wurde so zu einer Begegnung mit ALBAN NIKOLAI HERBST, dem Autor der Anderswelt-Trilogie und eines inzwischen staunenswert vielseitig aufgefächerten Erzählwerks sowie zur kritischen Überprüfung eben dieser ebenso umstrittenen wie aus vielerlei guten Gründen zu rühmenden Autorleistung.

Anlass für diese Präsentation: die soeben erschienene neueste Ausgabe der »horen«, die ausschließlich der besonderen »ästhetischen Komplexität« der Erzählkunst Herbsts Aufmerksamkeit schenkt. Elf Autorinnen und Autoren, allesamt ausgewiesene Kenner dieses Werks, stellten ihre Expeditionsberichte zur kritischen Durchleuchtung der PANORAMEN DER ANDERSWELT für den Druck zur Verfügung; ausgewählt und zusammengestellt von Ralf Schnell.

»horen«-Herausgeber Johann P. Tammen dankte den Mitwirkenden, Ralf Schnell erläuterte das editorische Konzept und meldete dringlich den längst überfälligen Korrekturbedarf hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung dieses fraglos singulären literarischen Werks (und seines Autors, dem man immer wieder »übel mitgespielt« habe) an. Alban Nikolai Herbst las Passagen aus dem noch unveröffentlichten dritten Teil der Anderswelt-Trilogie (ARGO.ANDERSWELT) - und viele, viele Gäste blieben bei »Wein & Gesprächen« noch lange in den »Dschungel-Passagen« Herbsts miteinander unterwegs.

Fotos (4): © Jeannette Faure (BuchMarkt).
Foto: © Jeannette Faure (BuchMarkt)  Foto: © Jeannette Faure (BuchMarkt)
»horen«-Herausgeber Johann P. Tammen im Gespräch mit Ralf Schnell: »Was ist und wie erkennen wir die literarische Identität dieses Werks?«  Alban Nikolai Herbst erfährt Lob und Anerkennung von seinem Lektor Delf Schmidt: »Ich aber will, dass Raum fürs Ungeheuere bleibe.« (ANH: Thetis.Anderswelt)
Foto: © Jeannette Faure (BuchMarkt)  Foto: © Jeannette Faure (BuchMarkt)
Alban Nikolai Herbst und Barbara Bongartz: Das Autoren-Duo der »Schreibheft«-Rarität »Inzest oder Die Entstehung der Welt - Roman in Briefen«.   Prof. Wilhelm Kühlmann (v.l., mit Schal), Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg und Herausgeber der Neuauflage des »Killy«, Autor des »horen«-Bandes zum Werk von Alban Nikolai Herbst: Skeptischer Blick auf Verwerfungen einer Schriftsteller-Existenz.

 
 

 "die horen", Band 231:  

Cover horen 231 © Zazie: Conclave (Ausschnitt), 2008. – Siehe auch http://www.zazie.at PANORAMEN DER ANDERSWELT
Expeditionen ins Werk von Alban Nikolai Herbst.
Ausgewählt und zusammengestellt von Ralf Schnell /

*** Mit Beiträgen von Hans Richard Brittnacher, Jost Eickmeyer, Renate Giacomuzzi, Christoph Jürgensen, Wilhelm Kühlmann, Anton Moosbach, Gregor Patorski, Heinz-Peter Preußer, Ursula Reber, Ralf Schnell, Uwe Schütte & Originaltexten von Alban Nikolai Herbst /
Redaktion: Johann P. Tammen.

Nicht weniger als die kritische Auslotung und Bewertung der »Tiefe und Radikalität« eines literarischen Śuvres, das fraglos eine Sonderstellung in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literaturlandschaft einnimmt, macht das Bemühen der Autoren dieses horen-Themenbandes - herausgegeben von Ralf Schnell - zu einer editorischen Auffälligkeit.

Durch Herbsts umfangreiches (bislang noch nie zusammenhängend untersuchtes) literarisches Werk zieht sich von den Anfängen bis heute ein »hochreflektiertes poetologisches Programm, das einzigartig genannt werden darf« - theoretischer und zugleich erkennbar auch »ästhetischer Ausdruck einer condition postmoderne«.

A. N. Herbst Dessen Höhepunkt bildet zweifellos die Anderswelt-Trilogie*, deren dritter Teil (ARGO.ANDERSWELT - nach THETIS.ANDERSWELT, 1998, und BUENOS AIRES.ANDERSWELT, 2001) vor dem Abschluss steht; ein Romankomplex, in dessen Zentrum der Autor der Frage nach den »Antriebsenergien der Schöpfungsgeschichte und damit der nach der Identität des Menschen in einer sich entgrenzenden Welt, die fortwährend sich selbst entwirft und erzeugt«, nachgeht.

* »Die Anderswelt-Trilogie, das Megaprojekt des 1955 geborenen Autors, (ist) in ihrer schieren Ambition...in der jüngeren deutschen Literatur mit nichts zu vergleichen« (Volltext) - »Womöglich ist das eine neue Form der Literatur...« (Die Zeit) - »...panoramisch, epochal...« (NZZ).

»OB GERÜHMT oder zumindest als Geheimtip literarischer Genießer gehandelt, ob als stilistischer Stümper niedergemacht, verspottet oder gar totgeschwiegen - Herbst hat mittlerweile eine literarische Handschrift entwickelt, die ihn meines Erachtens zu einer der Führungsfiguren der ästhetischen Postmoderne werden lässt.«

Wilhelm Kühlmann. In: EUPHORION, Heft 4 / 2003.

* * *

A. N. Herbst »Sehr geehrter Herr Herbst«, schrieb zu Beginn des Jahres 2008 eine Leserin an den Autor der Anderswelt-Romane, »ich bin eine große Bewunderin Ihres Werks, möchte aber anonym bleiben, weil es in gewissen Kreisen als rufschädigend gilt, auf Ihrer Website erwähnt zu werden.« - Ihrem Brief hatte die unbekannte »Leserin XY« ein Buch beigelegt, dem sie einen aufschlussreichen Kommentar anfügte: »Das beiliegende Buch möchte ich Ihnen schenken. Ich bekam ein Exemplar zu Weihnachten, las es auf einen Rutsch und dachte: Das müsste Ihnen aus der Seele sprechen. Es ist eine böse Satire auf den Kulturbetrieb, der auch Ihnen so übel mitspielt und gegen den Sie so mutig anschreiben. Es hat zwar nicht die Tiefe und Radikalität Ihres Werks, aber ist doch sehr witzig.«

Treffender als in diesen wenigen Zeilen lässt sich die Position des Schriftstellers Alban Nikolai Herbst im literarischen Leben Deutschlands kaum umschreiben: »Gewisse Kreise« des Literaturbetriebs haben ihn stigmatisiert; als »rufschädigend« gilt, mit ihm - und sei es nur virtuell - in Kontakt zu stehen; »übel mitgespielt« hat man ihm, auch juristisch ... Facetten des Kulturbetriebs, mit denen ein unangepasster Schriftsteller unserer Tage rechnen und leben muss, so könnte man achselzuckend sagen - wäre da nicht jene besondere literarische Qualität, auf welche die »Leserin XY« ebenfalls hinweist: »Tiefe und Radikalität« des Werks von Alban Nikolai Herbst.

Collage Ror Wolf Diese spezifische ›tiefe und radikale‹ Qualität des Werks von Alban Nikolai Herbst hat den Anstoß zur Konzeption des vorliegenden Bandes der Zeitschrift die horen gegeben. So verschiedenartig die hier zusammengestellten Beiträge * hinsichtlich Thematik und Duktus sich präsentieren, so unterschiedlich sie ihre Wertungen und Urteile pointieren - sie stimmen darin überein, dass im Fall Herbst literarische Bedeutung und öffentliche Wahrnehmung auf eine Weise auseinander fallen, die dringend einer Korrektur bedarf. Dringend nicht zuletzt deshalb, weil die deutschsprachige Literatur der Gegenwart nicht eben reich ist an Beispielen einer ästhetischen Komplexität, wie sie das poetische Śuvre dieses Autors aufweist.

Ralf Schnell: Dschungel-Passagen. Aus dem Editorial zum »horen«-Band 231/ 2008.

* Jedem der knapp ein Dutzend Aufsätze sind Originaltexte (und bildnerische Vorwände) aus den verschiedenen Werkphasen von Alban Nikolai Herbst beigegeben (darunter auch Erstveröffentlichungen wie z.B. die Erzählung »Menschenjäger« aus dem Jahre 1992), die hier keineswegs »lediglich poetische Illustrationen« darstellen, sondern Korrespondenztexte zu den Essaystrecken: Einstiegsluken für kundige und Erst-Leser beim Durchstöbern, Erobern und Begreifen der Anderswelt.

 

 "die horen", Band 230:  

Cover horen 230 KLANGSPUREN / SONGS & SOUNDTRACKS.
MIT BILDERN VON BOB DYLAN.

Ausgewählt und zusammengestellt von
Uwe Kolbe, Jürgen Krätzer & Stephan Turowski /
Redaktion: Peter K. Kirchhof & Johann P. Tammen.

Hans-Ulrich Treichel erinnert sich an die Zeit des adoleszenten Aufbruchs und so auch an eine damals große, »aber auch peinliche Leidenschaft«: Während Gleichaltrige in seinem Umfeld The Cream mit Ginger Baker am Schlagzeug hörten, andere wohl eher Glenn Goulds Goldberg-Variationen, wieder andere Brecht/Weills Dreigroschenoper, quälte es ihn, dass er Surfin ` Bird von The Trashmen nicht opulent in Zimmerlautstärke hören konnte, das wäre die »pure Anarchie« gewesen.
Heute allerdings, mit gehörigem Abstand, glaubt er zu wissen - und erklärt es allen horen-Lesern -, worum es sich bei dem »Funniest sound I ever heard« und den »single words« dieser »Müllmänner der Popmusik« handelte und wieso ausgerechnet die in der Lage waren, seinerzeit seine ausgeprägte Beschwerde- und Ergründungslust zu schüren.
Und hat man sich als Leser dieser neuesten, vielfach überraschenden horen-Ausgabe durch Treichels listige Bekenntnis- und Kennerlaune hinreichend antörnen lassen, ist man erwartungsvoll angewärmt und wachgerüttelt, um mehr zu erfahren über diesen Eigen-Kosmos der Pop- und Rockwelt, der Songs & Soundtracks mit ihrem aus vielerlei Herkünften abgerufenen Klangspuren-Gewirr.

»Jeder von uns wird mit der Zeit zu einem musikalischen Archiv, das aus unzähligen Tracks besteht«, so mutmaßen wohl zu Recht die drei Sammler und Herausgeber dieser horen-Ausgabe (Uwe Kolbe, Jürgen Krätzer & Stephan Turowski). Und: Neben der Bildspur der Optical History liegt auch die einer Acoustical History - und in der nimmt der Song inzwischen den ersten Platz ein. Darüber zu schreiben, rührt an Erinnerungen, ruft Erfahrungen auf, legt Leitmotive offen.

»Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs.«
Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1 & 2

Und exakt dieses »Offenlegen« vielfältig erfahrener Berührungen und Prägungen durch nicht selten wegweisende Songs & Soundtracks (und natürlich nicht minder durch die Songwriter und Interpreten) führen hier auf der horen-Bühne nun knapp vierzig Autorinnen und Autoren von Marcel Beyer bis Ron Winkler, von Thomas Brussig bis Hans Thill, von Ann Cotten bis Gabriele Stötzer, von Ulrike Draesner bis Monika Rinck, von Adolf Endler oder Peter Härtling bis zu Georg Klein oder Andreas Maier u.v.a.m. vor. - Exemplarisch z.B. Klaus Reks LedZep-Story im DDR-Alltag.
Und im Scheinwerferlicht der Schreibenden tauchen nicht nur die Beatles, die Stones, Deep Purple, Procol Harum, Led Zeppelin oder Pink Floyd, Leonhard Cohen oder Michael Jackson auf (die aber natürlich alle, ohne Ausnahme), Bob Dylan - Man on a bridgewährend einer, fraglos einer der größten Künstler in diesem Bereich, BOB DYLAN, hier tatsächlich als Lied-Dichter nicht vorkommt, sondern vielmehr als bildender Künstler, als Maler, Zeichner und Protokollant des Alltäglichen am Rande der Klangspuren: THE DRAWN BLANK SERIES - Erinnerungsspuren. Für Überraschungen ist also bestens gesorgt.

Schon mal was von Mark Olson gehört?, von Grandmaster Flash an the Furious Five?, von Gerome Ragni & James Rado?, von Thomas Koschat oder Jovanotti? Und - keine Sorge -: Um die Kinks geht`s hier natürlich auch, um Tocotronic, The Smiths, Emerson, Lake & Palmer, Frank Zappa, Pearl Jam, Beth Gibbons, aber auch um Ambros, Daliah Lavi, Herman van Veen, Jacques Brel, Nina Hagen und Udo Lindenberg, um die Klaus Renft Combo und die Einstürzenden Neubauten. - Typoskript - Nina HagenWichtig war den Herausgebern, so betonen sie`s im Editorial dieses wiederum buchdicken horen-Bandes, »dass nicht nur der Sound als diffuse Reminiszenz beschworen wird, sondern auch die lyrics ernst genommen werden.«
Und eine große Rolle spielen deshalb auch die (fremdsprachlichen) Texte, die Schwierigkeiten des Übersetzens beziehungsweise Aspekte der Unübersetzbarkeit. - »Missverständnisse inklusive« betonen da die Herausgeber und fragen: »Wer erinnerte sich nicht - leicht betreten - an das pubertär-begeisterte Mitgegröle in einem dadaistisch anmutenden Fantasie-Englisch, hörte man seine Songs im Radio ... Wann wurde einem klar, dass Dylans ›story of the Hurricane‹ kein meteorologisches Desaster zitiert, wann schlug man nach, was Jaggers ›satisfaction‹ meint, wann begriff man die Melancholie Zeichnung - Petra A. Wendevon Cohens ›Suzanne‹ oder Waters ›Wish You Were Here‹?« - »Was hier Klang, Musikalität und Witz hat, kann im Deutschen schwingungslos, trocken und banal daher-kommen.« - »Die Welt verstehen ist etwas anderes als die world nur wonderful zu finden ... Auch der Text ist, was er ist.« (Thomas Brussig)

»Bitte gestatten Sie, mich vorzustellen ... Angenehm, Sie zu sehen ...«, so übersetzt Uwe Kolbe die »Freundlichkeit« des Teufels, von der uns die Stones in »Sympathy For The Devil« erzählen: »Von mir hörten Sie schon viel, oh yeah!« Und Kolbe resümiert: »Ein halbwegs bewusster Teilnehmer an der Geschichte des Abendlandes braucht kaum mehr als das (hier) im Text Gebotene, um sich diabolisch genug zu amüsieren. - Die Glocken sind angeschlagen, summarischer als in Goethes Faust, dafür populärer...» Und dazu kommt dann ja auch noch der ganze (nicht so kleine) Rest des Ungesagten, die Musik. Da braucht es dann keine weitere Sublimation. Die geht »direkt ins Mark«.

Presse-Echo:

Literature goes Rock:
Im Leipziger Haus des Buches präsentierten »die horen« ihren aktuellen Band mit Lesungen und Live-Musik - Ein ideales Konzept
Die Idee war ebenso riskant wie prachtvoll: Die Redaktion der »horen« hatte 52 Autorinnen und Autoren eingeladen, über einen Song ihrer Wahl zu schreiben. Im aktuellen Band der Zeitschrift (Band 230 / Sommer 2008) mit dem Titel »Klangspuren. Songs & Soundtracks / Mit Bildern von Bob Dylan« sind diese Texte versammelt. Aber beinahe noch prachtvoller war die Idee, die Literatur zusammen mit der Musik zur Aufführung zu bringen.
Das sah das notorisch verwöhnte Leipziger Publikum offenbar genauso, denn schon lange vor Beginn war das Literaturcafé im Haus des Buches weit über den letzten Platz hinaus besetzt... Selten sind Rock und Literatur eine so zündende Liaison eingegangen. Das lag nicht allein am Esprit der Schriftsteller. Die Coverband 24 Lovesongs mit Cornelius Ochs (Piano, Gesang), Hannes Scheffler (Gitarre) und Friedrich Hentze (Schlagzeug) setzte ihre Zuhörer immer wieder geradezu unter Strom...
Wenn es darum geht, die traditionelle »Wasserglaslesung« aufzulockern und literarische Veranstaltungen für ein breites Publikum attraktiv zu machen, stellt eine solche Kombination von Lesung und Musik eine nachgerade ideale Lösung dar. Freilich muss man es auch mit den beteiligten Autoren und Musikern so glücklich treffen wie an diesem Abend die »horen«-Herausgeber in Leipzig.
Olaf Schmidt / Buchmarkt-Online (zur »horen«-Präsentation am 11.7.2008 im Leipziger Haus des Buches)

Da rockt die Socke
»Der Soundtrack des Lebens« ist Thema der nächsten Ausgabe der Kulturzeitschrift »die horen« (240 Seiten, 14 Euro). Eine beachtliche Truppe deutschsprachiger Autoren - darunter Marcel Beyer, Thomas Brussig, Adolf Endler und Andreas Meier - geht hier in schöner Offenheit den Spuren nach, die das Liedgut am Strand ihrer Seelen hinterlassen hat. Der Band, ein Kleinod der Alltagskultur (illustriert mit Bildern von Bob Dylan), zeigt nicht nur die intime Verbindung von Sprache, Musik und Gedächtnis, sondern ist nebenher auch ein Dokument deutsch-deutscher Verständigung: So entspannte Einigkeit zwischen DDR und BRD war nie.
Der kurioseste Beitrag kommt allerdings aus der Schweiz:
Der Schriftsteller, Kabarettist und Musiker Franz Hohler, 65, übersetzte Frank Zappas »Mr. Green Genes« (vom Album »Uncle Meat«, 1969) in die Sprache seiner Heimat und Kindheit - nur angemessen bei einem Song, der den ersten »Paragrafen des Grundgesetzes für Kinder« ad absurdum führt:
Iss dein Gemüse!

Iss dys Gmües
iss di Röschti und di Chopfsalat
nimm chli Schpinet zue dim Spiegelei
iss es Löffeli voll Haferbrei
für’s Mami
eine für’s Mami
mmmmh
loh das feine Suurchrut nid lo stoh
s wird weiss Gott no abegoh!
Iss dini Schueh
iss doch d Socke grad derzue
iss au d Schachtle, wo si drinn gsi si
iss der Lieferwage
byss nur dry
i Liferwage
feine Lieferwage!
Friss der Wagen und der Chauffeur und sis Liibli
mei das sprützt
mei dasch guet
mei das nützt
en alte Huet!
Aus: Der Spiegel, 30.6.2008

Zeitschriftenlese – von Michael Braun
Schallplatten waren schon immer ein magischer Geschichtsspeicher. Denn auf diesen mittlerweile veralteten Aufzeichnungssystemen ist der Sound­track unseres jugendlichen Erwachens festgehalten – die identitäts­stiftenden Tracks der heute Vierzig- bis Sechzigjährigen, die Songs, Schlager und Sounds der ekstatischen Pop-Kultur. Zwischen dem Tonarm des Plattenspielers, dem Lautsprecher und dem Ohr des Hörers scheint sich damals eine eigene Apparatur gebildet zu haben: eine Apparatur zur Speicherung von Gefühlsströmen. „Die Platten“, so hat es Klaus Theweleit einmal gesagt, „haben etwas aufgezeichnet, während sie liefen; sie haben nicht nur etwas abgespielt.“ Sie haben, so wäre zu ergänzen, das Herz der Hörer zu einem Tonraum gemacht.
Die Erforschung dieses Tonraums und der existenziell unauslöschlichen „Klangspuren“ hat sich nun die aktuelle Ausgabe, die Nummer 230 der Literaturzeitschrift „die horen“ vorgenommen. Dabei wird ein gewaltiges musikalisches Archiv persönlicher Offenbarungserlebnisse geöffnet. Über 30 Autoren – der älteste davon der mittlerweile 77jährige Manfred Peter Hein, die jüngste die 1981 geborene Marlen Pelny – haben hier ihre musikalische Initiationsszene aufgeschrieben. Und das Spektrum dieser Tiefbohrungen in der eigenen Biografie reicht von Lale Andersens unsterblicher Schnulze „Lili Marleen“ bis zur exzentrischen Soul-Sängerin Amy Winehouse. Dabei sind auch mehr oder weniger gelungene Übersetzungen und Nachdichtungen der meist englischen Stücke entstanden – nicht selten begleitet von der Klage, diese Pop-Evergreens seien unübersetzbar.
Manfred Peter Hein rekonstruiert die Erfolgsgeschichte von „Lili Marleen“, ein Song, der 1913 von dem unbekannten Dichter Hans Leip am Vorabend des Ersten Weltkriegs geschrieben worden war, aber erst im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu ungeheurer Popularität gelangte. Das Lied vom Soldaten, der sich von seiner Liebsten unter der Laterne losreißen muss, um in die Kaserne zurückzukehren und dem Arrest zu entgehen, war – in der englischen Version – bei britischen und amerikanischen Soldaten genauso beliebt wie die deutsche Originalfassung bei Angehörigen der Wehrmacht.
Zu den schönsten Beiträgen in diesem „horen“-Heft gehören sicherlich die Selbsterkundungen Hans-Ulrich Treichels und Josef Haslingers. Hans-Ulrich Treichel gelingt die Annäherung an ein Meisterstück der Hässlichkeit. „The Trashmen“ hatten 1964 ein One-Hit-Wonder in den Charts platziert, den mit diversen provokativen Krächz- und Gurgel-Lauten und Misstönen gespickten Song „Surfin' Bird“. Den Traum vom Abspielen dieses Songs in voller Lautstärke konnte Treichel damals nicht verwirklichen – und auch die Gewissheit, dass es sich dabei um ein die Welt zum Einsturz bringendes Pop-Stück handelt, musste er bei späteren Nachforschungen revidieren.
Ein wunderschönes Kindheitsmuster webt auch Josef Haslinger in seiner Erinnerung an die Erstbegegnung mit dem legendären „Child in time“ von Deep Purple. Es war eine Sensation für den damals fünfzehnjährigen Zögling eines Zisterzienserklosters, als er zum ersten Mal das „todes­feeartige Schreien“ Ian Gillans hörte. Später wird der entlaufene Klosterzögling verblüfft feststellen, dass die Deep Purple-Akkorde im Grunde eine Tonfolge des gregorianischen Chorals wiederholen.
Die 1965 geborene Martina Hefter hat einen der intensivsten Texte dieses „horen“-Heftes geschrieben: Hefter rekonstruiert eine elektrisierende Szene des Jahres 1984, da sie als junge Punkerin aus dem Allgäu nach Berlin gezogen war, um dort in einer alten Lagerhalle den Tod höchstpersönlich tanzen zu sehen. Der Tod trat auf in Gestalt von Blixa Bargeld, des Sängers der Band „Einstürzende Neubauten“, die einen apokalyptischen Höllenlärm zu erzeugen verstand. Und zwar nicht nur in dem von Hefter emphatisch interpretierten Stück „Der Tod ist ein Dandy“. In ihrem hinreißenden Text erzählt Martina Hefter auch von den Verwandlungen des einst „wüsten, bleichen“ und heute weiser gewordenen Blixa Bargeld. Es ist eine Erzählung vom Ende aller Illusionen: „Die Party – und ich sage: jede Party – ist aus.“
Zeitschriftenlese – August 2008 von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk http://www.poetenladen.de

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Wichtig war den Herausgebern des buchdicken horen-Bandes, dass nicht nur Sounds als diffuse Reminiszenzen beschworen, sondern auch die Liedtexte ernst genommen werden. Eine große Rolle spielen deshalb die Übersetzungen der meist fremdsprachigen Songs ins Deutsche. Die Autoren sahen sich dabei an vielen Stellen mit der Unübersetzbarkeit konfrontiert, entlocken dem Leser aber oft ein Schmunzeln, weil Text-Missverständnisse von einst wieder wachgerufen werden... "Klangspuren. Songs & Soundtracks" macht Lust, sich wieder einmal auf den persönlichen Kosmos der Pop- und Rockwelt zu stürzen und im Soundtrack des eigenen Lebens in Erinnerungen zu schwelgen.
Aus: FOCUS Online, 16.8.2008

Ein vielfarbiges biografisch geprägtes Zeit- und Generationengemälde... entschieden mehr als nostalgische Reminiszenzen... Die Idee, den Band mit Bildern des Dichtersängers Bob Dylan zu illustrieren, die im Vorjahr in den Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz unter dem Titel "The Drawn Blank Series" erstmals und in üppiger Breite ausgestellt worden sind, verleiht dem Heft zusätzlichen Reiz.
Aus: Mitteldeutsche Zeitung / www.mz-web.de

"Golden Brown" kommt leider nicht vor, aber sonst steckt der famose horen-Band "Klangspuren" randvoll mit tiefsinnigen, oft auch ziemlich witzigen Anekdoten und Betrachtungen über die Begegnung mit Musik. Nicht weniger als 53 Autoren haben darüber geschrieben, welche Spuren bestimmte Songs in ihrem Leben hinterlassen haben. Erstaunliches kommt dabei zutage...
Aus: kreuzer / Das Leipzig Magazin

Ob Thomas Brussig eine Nachdichtung von "Wonderful World" vorstellt, die viel schöner und bewegender ist als das englische Original von Sam Cooke, ob Franz Hohler sich an Frank Zappa wagt oder Evelyn Finger die noch neue "Generation Adam Green" porträtiert, ob Peter Härtling eine Brücke schlägt von Leonhard Cohens "Bird on the wire" zur B-Dur-Klavier-sonate Franz Schuberts: Die Fülle dieser ganz unterschiedlichen Betrachtungen ist ebenso unterhaltsam wie erhellend...
Aus: Darmstädter Echo, 22.9.2008

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Leipziger Buchmesse
Kroatien war das Schwerpunktland der diesjährigen Leipziger Buchmesse und präsentierte sich in augenfälliger Weise als ein spannungsreiches und überraschend vielstimmiges, poetische Mannigfaltigkeit spiegelndes Literaturland, das es unbedingt mit größter Leserneugierde und kultureller Erfrischungslust sofort zu entdecken gilt. Der von Alida Bremer und György Dalos engagiert und kompetent kuratierte Glanzauftritt des Gastlandes Kroatien war als ein bunt-dialogisches Lesefest in schönster Gesprächsmunterkeit, erpicht auf solide, seriöse Information und Transparenz ausgerichtet - und fand in dieser Qualität ein erfreulich großes Publikum, sowohl im quirligen Messegeschehen auf zahlreichen Podien und am zentralen Stand B 403 / C 402 in der Halle 4, wie auch an vielen Veranstaltungsorten in der Stadt, oft bis tief in die Leipziger Nächte hinein. "horen"-Podium am 15. März d.J. im Haus des Buches / Leipzig: Mit Tatjana Gromaca, Alida Bremer und Johann P. Tammen (v.l.n.r.).
"horen"-Podium am 15. März d.J. im Haus des Buches / Leipzig: Mit Tatjana Gromaca, Alida Bremer und Johann P. Tammen (v.l.n.r.).
Der aktuelle "horen"-Band am dekorativen Festmacherplatz im Zentrum des Kroatien-Standes in der Messehalle 4.
Der aktuelle "horen"-Band am dekorativen Festmacherplatz im Zentrum des Kroatien-Standes in der Messehalle 4.
 Zu Gast waren zahlreiche Autorinnen und Autoren des Landes - und zu bestaunen (und immer wieder auch zu rühmen) ebenso zahlreiche Neuerscheinungen, darunter auch der aktuelle 229. "horen"-Band mit einer von Alida Bremer besorgten Lyrik-, Prosa- und Essay-Auswahl (ergänzt um attraktive Fotostrecken); Texten von 38 (hier größtenteils noch unbekannten) Autorinnen und Autoren der kroatischen Gegenwartsliteratur: Fabula rasa oder: Zagreb liegt am Meer - Die kroatische Literatur der letzten 25 Jahre. Vorgestellt wurde dieser Band im Messegeschehen der Tage vom 13. bis 16. März auf zwei gut besuchten Podien (im Café Europa und im Haus des Buches) und kritisch beleuchtet in verschiedenen Interviews im Hörfunk.
Die Verantwortlichen des Schwerpunktes Kroatien haben ein Messetagebuch auf www.crobuch.de geführt (und dort auch schon immer weit im Vorfeld der Messe berichtet): Soeben erschien dort auch ein Bild-Tagebuch (in der Rubrik Galerie) mit zahlreichen Fotos von Edi Matić und Goran Petercol (zu letzterem siehe auch den o.g. "horen"-Band), woraus wir hier eingeblendet - herzlich dankend - drei Fotos übernehmen (Copyright bei den genannten Bild-Autoren). - Näheres zum "horen"-Band 229: Siehe nachfolgenden Text!  Schwerpunkt-Kuratorin und "horen"-Herausgeberin Alida Bremer.
Schwerpunkt-Kuratorin und "horen"-Herausgeberin Alida Bremer.

 "die horen", Band 229:  

Cover horen 229 FABULA RASA
oder: Zagreb liegt am Meer /
Die kroatische Literatur der letzten 25 Jahre.

Zusammengestellt von Alida Bremer /
Mit Fotos von Feđa Klarić, Andriana Škunca
& Doran Vučinović / Mit Zeichnungen von
Igor Hofbauer & Goran Petercol.

Schon bei Hermann Stieglitz` Wegführung durch Istrien und Dalmatien, 1845 veröffentlicht, findet sich die rühmende Notiz: »Der alte Vorzug dieses Ländchens, eine durch alle Zweige dringende Cultur.« Aber wie immer, wenn das jeweils Fremde in den Blick genommen wird, häufen sich sofort auch die Vorurteile bis hin zu massiven Diffamierungen, Zerrbilder türmen sich zum Meinungsfiasko - und zwischen Lob und Tadel ist kaum noch die Waage zu halten.

Löbliches findet sich in neuerer Zeit, stöbert man beispielsweise Reise- Literatur durch, um etwas über das heutige Kroatien zu erfahren, im Band Kroatien von Patrizia Stajer. Dort lesen wir: »Die Kroaten sprechen teilweise italienisch oder ungarisch, sie trinken türkischen Kaffee und servieren wienerischen Palatschinken zur Nachspeise.« Und andernorts, im Band Kroatien entdecken. Unterwegs zwischen Istrien, SlawonienAlltag in Zagreb Foto Doran Vučinović und Dalmatien, aufgezeichnet von einem Autorenteam (Berlin 2005), wird uns bedeutet: »Die Bücher kroatischer Autoren sind kaum bekannt im deutschsprachigen Raum. Dennoch ist dieses Land kein unbeschriebenes Blatt.« - Wohl war!

Man nehme zum Beweis nur einmal den aktuellen horen-Band (FABULA RASA oder: ZAGREB LIEGT AM MEER) zur Hand, um schon nach einer ersten flüchtigen Lektüre zu begreifen: »Infolge der langen Tradition der europäischen Literatur entstanden, ist die heutige kroatische Literatur ein integraler Bestandteil der europäischen Literatur... Die Tatsache, dass diese Literatur im restlichen Europa kaum bekannt ist, ändert daran nichts, genauso wie der Beitritt in die EU kein Beweis dafür sein wird, dass Kroatien in Europa liegt.« (Alida Bremer im Editorial zum horen-Band 229, der soeben druckfrisch, buchdick und reich illustriert zum diesjährigen Leipziger Messe-Schwerpunkt Kroatien erschienen ist.)

»Hier kann man mühelos in die Geschichte einsteigen und sie als Gegenwart erleben.«
Milo Dor: Mitteleuropa - Mythos oder Wirklichkeit

Lyrik, Prosa und Essays von 38 Autorinnen und Autoren, allesamt namhafte und vielfach ausgezeichnete Repräsentanten der kroatischen Gegenwartsliteratur, haben für diesen Auswahlband ihre Gedichte, erzählerischen Texte und kritisch-analytischen Befunde beigesteuert, ausgewählt und zusammengestellt von Alida Bremer, die für diesen Band zugleich auch - zusammen mit neun weiteren Übersetzerinnen und Übersetzern - die schöne Fracht eines überzeugenden Sprachtransfers vom Kroatischen ins Deutsche mustergültig zu bewältigen vermochte. Wieder einmal, wie das generell ja leider immer noch viel zu selten geschieht, ist hier das große Können der Übersetzer, die ja immer auch hochkompetente Sondeure und Entdecker sind, ausdrücklich zu rühmen.

Blickfang Split Foto Feđa Klavić

Und Entdeckungen, die meist auch die Nachdrücklichkeit von Revisionen und die Kraft der Widerlegung (eines weitverbreiteten üblichen Schablonendenkens) in sich bergen, sind hier wahrlich zuhauf zu machen.

Schon der ewig wiederkehrende Nationalismusverdacht ist hier überzeugend ausgeräumt: »Zur Zeit«, schreibt Alida Bremer einleitend, »gibt es mindestens hundert relevante Autoinnen und Autoren in Kroatien (einem Land von 4,5 Millionen Einwohnern), die sich einer großen Leserschaft und Medienaufmerksamkeit erfreuen, und die alle jeglichem kroatischen Nationalismus und dem nationalen Kitsch sehr kritisch gegenüber stehen... Ja, man kann eigentlich sagen, dass es keine relevanten Autoren oder Autorinnen im Land gibt, die dem nationalen Pathos in irgendeiner Form verfallen wären, obwohl es angesichts der Zerstörung von Vukovar und Dubrovnik gar nicht leicht war, sich diesen Gefühlen zu entziehen.«

Mit diesem horen-Band habe sie versucht, so erklärt es Alida Bremer im Vortext zu ihrer Auswahl, »den deutschen Lesern die Vielfalt des kroatischen literarischen Booms, der vor allem im letzten Jahrzehnt entstanden ist - und der seit 1985 mit der Edition und mit der Zeitschrift ›Quorum‹ vorbereitet wurde und sich nach der Tudjman-Ära besonders entfaltete - in einer kleinen Auswahl zu präsentieren.« Und »natürlich« sei diese Auswahl angreifbar subjektiv, vergisst sie nicht zu betonen. Und »natürlich« verstehe sie auch, dass man Aufschluss gewinnnen möchte darüber, wie diese Literatur auf Kriegs- und Nachkriegswirklichkeit reagiere, wie auch auf Kriegs- und Nachkriegstraumata.

Und ihre Antwort darauf verwundert nicht: Natürlich »haben viele Autorinnen und Autoren auf diese Wirklichkeit reagiert, doch wie alle anderen Schriftsteller aller Länder und aller Zeiten sind sie auch (und teilweise primär) mit anderen Problemen beschäftigt...« - Und allen hiesigen Leserinnen und Lesern sollte das durchaus gefallen.

 

 "die horen", Band 228:  

Cover horen 228 DIE POESIE UND IHRE MASKEN /
Gedichte aus Schottland, Weißrussland & anderen Gegenden der (Un)Vertrautheit.

Zusammengestellt von Johann P. Tammen /
Mit Fotos von WOLS, Isolde Ohlbaum u.a.m. /
Im Porträt: Rudolf Wachter - Ein Bildhauer und sein Material //
Über Paul Wühr & Ludwig Harig.

"Weißrussland, das ist für viele eine weite schneebedeckte Fläche. Kein Anhaltspunkt für das Auge, um einzuhaken, zu verweilen. Ein weißes Flirren wie bei einer Bildstörung im Fernsehen. Ein leerer Raum, mit dem sich keine Vorstellungen verbinden." - So markiert Katharina Narbutovič den Herkunftsort einer Poesie, die uns bislang noch kaum bekannt ist, die - wenig übersetzt - hierzulande nur selten lesbar respektive hörbar wahrgenommen werden konnte. Ja, selbst eine so unbestritten meisterliche, augenfällig singuläre Dichter-Persönlichkeit wie der mehrfach ausgezeichnete Doyen der Lyrikszene Weißrusslands, Ales Rasanaŭ, konnte hier (exzellent übersetzt von Elke Erb) bislang nur in Nischenverlagen publizieren. Da war es also höchste Zeit, für den Blick auf diese Poesie-Landschaft dringlich wenigstens ein erstes, kleines Fenster aufzustossen. - Dank Katharina Narbutovič und Valžyna Mort, die dafür den Anstoss gaben und der horen-Redaktion ihre Auswahl anempfahlen, ist diese Rezeption für einen ersten Anfang möglich.

"Ich will leben, Leute ..." / 12 + 1 Dichter aus Weißrussland // Ausgewählt und zusammengestellt von Katharina Narbutovič & Valžyna Mort.

Seit zwanzig Jahren nun, so beschreibt es Katharina Narbutovič in ihrer grundierenden Kommentierung dieser Dichter- und Gedicht-Auswahl, erlebe Weißrussland eine "Wiedergeburt": "Wie ein Phönix ist das Land wieder da - wenn auch mit arg zerzaustem Gefieder. Mitte / Ende der 1980er Jahre war es, als im Zuge von Glasnost, Perestrojka und Unabhängigkeitsbewegung in Weißrussland ein Selbstfindungsprozess einsetzte, der bis heute andauert und in zwei Richtungen zielt: zum einen geht es um die Rückgewinnung und Sicherung der eigenen Sprache, Kultur und Geschichte, zum anderen darum, diese drei mit dem Takt des postmodernen, globalen Lebens in Einklang zu bringen. Es geht um die Frage von Kontinuität und Modernität. Was für andere Kulturen schon lange selbstverständlich ist, muss hier erst noch mühsam erobert werden."

Und weiter, den extensiv gewählten Weg einer Neuorientierung fixierend, unterstreicht Katharina Narbutovič: "Wer heute auf Weißrussisch schreibt, der hat sich bewusst für diese Sprache entschieden. Viele junge Lyriker sind mit Russisch als erster Sprache aufgewachsen und später zum Weißrussischen übergewechselt. Für alle, ganz gleich welcher Generation, ist es eine kulturelle und politische Wahl, eine Frage der Identität, eine Art zu unterstreichen, dass sie sich Europa zugehörig fühlen, nicht Russland ..."

"Dieses Dossier" (die Summe der sprachklug gefügten Nachdichtungen von Elke Erb, Hendrik Jackson, Martina Mrochen, Katharina Narbutovič und Uljana Wolf), so erklären es die kundigen horen-Scouts, "ist der Versuch, das >Weiße Quadrat auf weißem Grund< mit Bildern zu füllen, den modernen, avantgardistischen Zweig der weißrussischen Lyrik vorzustellen und eine Linie zu skizzieren, die von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart reicht, mit einem Akzent bei den Dichtern der jüngeren Generation."

12 + 1 Dichter aus Weißrussland:
Janka Juchnavec, Ales Rasanaŭ, Nadzeja Artymovič, Anatol Sys, Uladzimer Arloŭ, Ihar Babkoŭ, Viktar Slinko, Andrej Chadanovič, Viktar Žybul, Vera Burlak (Jetti), Volha Hapeeva, Zmicier Višnioŭ & Valžyna Mort.

Beinahe spiegelbildlich zu diesem horen-Fenster ist auch die Auswahl und Komposition des zweiten Lyrik-Plateaus im aktuellen horen-Band arrangiert: Auch hier handelt es sich um ein Nachdichtungsprojekt (unter Beteiligung von Mirko Bonné, Sylvia Geist, Arne Rautenberg, Christa Schuenke und Jan Wagner, ergänzt um zwei weitere Auswahlen von Margitt Lehbert und Jan Wagner), das allerdings eine etwas andere Vorgeschichte hat, die Ken Cockburn in seiner Einführung ("Wie der Remix eines vertrauten Liedes") erläutert: Alles begann bereits 1999 und kam erst 2002 nach einem zwischenzeitlich ermöglichten Treffen in Kiel in Bewegung. Zwei profunde schottische Lyrik-Anthologien ("The Order of Things" und "Dream State") waren als poetischer Fundus zur Hand - und alsbald waren die deutschen (Nach-)Dichter enthusiasmiert mit der Aneignung des Fremden und dessen Transponierung ins Eigene befasst.

"Die fernen Gipfel der Distelwolle ..." / 12 + 2 Dichter aus Schottland

Zustande gekommen ist so eine Sammlung, die zwar - wie Ken Cockburn betont - weder einen "Überblick über einen gängigen Trend" geben will, noch eine "bestimmte stilistische oder thematische Route" verfolgt, aber doch ganz augenfällig "einige der herausragenden schottischen Dichterstimmen aus verschiedenen Generationen und mit unterschiedlichen poetischen Ansätzen" zu Wort kommen lässt, ohne zugleich schon einen gültigen, vollständigen Abriss der schottischen Gegenwartsdichtung zu liefern. Gebrochener Raum V, 2005 © Rudolf Wachter Einen zusätzlichen Anreiz jedoch wird der horen-Leser jetzt just in diesem - keineswegs willkürlich gewählten - Ost-West-Gegenüber der weißrussischen und der schottischen Poesie verspüren: "Ich mag das Brummeln der Gemeinde, / das Krächzen der Hoffnung in einem harten Leben, / ich mag die klaren Stimmen der Chöre, / das Licht, das an dunkle Orte dringt ..." heißt es in einem Gedicht von Meg Bateman (Dt. von Jan Wagner) - und in Vera Burlaks "Gebrauchsanweisung" (Dt. von Uljana Wolf) lesen wir, wie (märchenhaft-zwingend) Rettung möglich ist: "Zuletzt: Nachts im finstren Wald / ein Feuer machen, eine halbe Greifenkeule grillen und Löwen- / Zähne rösten. Eine schwarze Katze / am Schwanz packen und festhalten, / bis es dämmert. Die Sonne wird aufgehen. / Das ist ein gutes Ergebnis."

12 + 2 Dichter aus Schottland:
Meg Bateman, Peter McCarey, Ken Cockburn, Robert Crawford, Carol Ann Duffy, Rody Gorman, Ian Hamilton Finlay, Edwin Morgan, Edwin Muir, Don Paterson, Alan Riach & Robin Lindsay.
Außerdem: Robin Robertson & Robin Fulton.

"Es war einmal eine Buchperson ... oder Wie leicht, sich Paradiese einzubilden ..."

Weiter in der poetischen Spur geht es in den drei übrigen Abschnitten dieser horen-Reise durch "Gegenden der (Un)Vertrautheit", wie sie dieser Band im Untertitel annonciert - und auch das wiederum auf den subjektiv abgesteckten Pfaden von Ost nach West. Erstmals in einer größeren Auswahl auf Deutsch zu lesen sind so die Gedichte von Oleg Jurjew ("Die Sachen des Himmels", in Nachdichtungen von Gregor Laschen und Olga Martynova und mit einer Hinführung von Viktor Bejlis). Paul Wühr in Italien © Isolde Ohlbaum Mit ausgewählten "Miniaturen und artefaktischen Erzählungen" von Giwi Margwelaschwili würdigen die horen den großen Erkunder der unterschiedlichsten, frappierend realgestützten "Buchweltbezirkshimmel", der soeben seinen achtzigsten Geburtstag feiern konnte, erneut auffällig geworden auch mit seinem im Verbrecher Verlag erschienenen Roman Ludwig Harig, Budapest 1998, © Isolde Ohlbaum "Officer Pembry". - Und durch die Entdeckerlust Zsuzsanna Gahses motiviert, sind nacherzählte Fabeln, Lieder, Sagen und Berichte aus Mazedonien als eine besondere kulturelle Herkunft - gegenwartsnah identitätsstiftend - erfahrbar geworden. Neue Gedichte von Hans-Jürgen Heise, Ansgar Hillach, Gregor Laschen, Gerhard Ochs und Klaus Stiller beschreiben hiesige Wahrnehmungen und Befindlichkeiten - und zu den Würdigungen aus jeweils gegebenem Anlass von Jayne-Ann Igel (Hanne Kulessa), Paul Wühr (Herbert Wiesner) und Ludwig Harig (Nicole Henneberg) erschliessen sich für horen-Leser im bücherforum weitere Wortlandschaften in neuen Büchern von Katja Lange-Müller, Federico García Lorca, Fernando Pessoa, Joseph Brodsky, Raoul Schrott, Gabriel Rosenstock, Ralf Thenior, Werner Dürrson u.a.m.: Eine nochmalige Chance, sich der Poesie und ihrem ewigen Maskenspiel neugierig zu unterwerfen.

 

 

Frankfurter Buchmesse

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 2007 - und damit wenige Tage vor dem 8o. Geburtstag von Günter Grass - erschien der aktuelle "horen"-Band 227 (DOPPEL-TALENTE: Günter Grass & Walter E. Richartz / Hommage und Memorial) mit umfangreichen Dossiers zu zwei Autoren des Jahrgangs 1927. Die offizielle Übergabe des opulenten "horen"-Bandes an Günter Grass erfolgte am Messe-Freitag am Stand des Göttinger Steidl Verlags, für dessen Unterstützung und Gastfreundschaft wir herzlich danken.

Foto: Jörg-Dieter Kogel
Foto: Jörg-Dieter KogelFoto: Jörg-Dieter Kogel
Foto: Jörg-Dieter Kogel

Freitag, 12. Oktober, 16.oo Uhr: "horen"-Herausgeber Johann P. Tammen (links) überreicht den aktuellen, vielfältig bebilderten "horen"-Band mit den kritisch wägenden und achtungsvoll rühmenden Würdigungen zu Leben und Werk des Nobelpreisträgers gemeinsam mit Harro Zimmermann (rechts) an Günter Grass. Knapp 3.ooo Exemplare der Startauflage sind zu diesem Zeitpunkt bereits bei den "horen"-Abonnenten, in ausgewählten Buchhandlungen, in den Feuilletonredaktionen oder auch im Buch-Shop des Günter Grass - Hauses in Lübeck öffentlich. Günter Grass lobt ausdrücklich das in diesem "horen"-Band absichtsvoll organisierte Nebeneinander der Stimmen zu seinem Schaffen und zum dringlich neu zu entdeckenden Qeuvre des jahrgangsgleichen Walter E. Richartz, dessen Werke das größte anhaltende Interesse verdienten. Einmal mehr hätten "die horen" sich hier als engagierte Hüter der Literatur erwiesen. - Fotos (4): Jörg-Dieter Kogel

 

Foto: Peter K. Kirchhof Umgeben von den mehr als 6o Titeln der "horen"-Backlist präsentierte die "edition die horen" auf der Frankfurter Buchmesse an ihrem Stand in der Halle 4.1 am vertrauten Ort publikumswirksam den aktuellen Band 227 (GRASS / RICHARTZ), der immer wieder auch im Mittelpunkt der Gespräche mit Freunden und Gästen stand. Im Bild: PEN- Präsident Johano Strasser (rechts) und Uwe Herms, der das detailreiche Memorial zu WALTER E. RICHARTZ zusammenstellte und kundig kommentierte, im Gespräch mit dem "horen"-Herausgeber Johann P. Tammen.
Foto: Peter K. Kirchhof.

Uwe Herms moderierte am Messe-Freitag (12. Oktober 2oo7) auch den großen Erinnerungsabend für Walter E. Richartz im Struwwelpeter-Museum in der Schubertstraße 2o in Frankfurt am Main, zu dem "die horen" gemeinsam mit der Familie von Bebenburg und den Verlagen Patio und Diogenes geladen hatten.

 

GÜNTER GRASS/  
EINE HOMMAGE  
»He! Schau mich mal an! Ich meine richtig!«
(Walter E. Richartz)
  WALTER E. RICHARTZ /
  EIN MEMORIAL
Zusammengestellt von
Helmut Frielinghaus & Harro Zimmermann.

Mit Beiträgen von Hans Arnold, Volker Braun, Freimut Duve, Jürgen Flimm, Helmut Frielinghaus, Klaus Garber, Nadine Gordimer, Günter Grass, Hans Ulrich Gumbrecht, Peter Härtling, Gert Heidenreich, Hartmut von Hentig, Jochen Hörisch, Gerhard Köpf, Jörg-Dieter Kogel, Michael Krüger, Bernd Leistner, Siegfried Lenz, Jürgen Manthey, Oskar Negt, Per Øhrgaard, Fritz J. Raddatz, Maria Sommer, Gerold Späth, Tilman Spengler, Klaus Staeck, Wilhelm von Sternburg, Johano Strasser, Stefanie Wiech, Christa Wolf & Harro Zimmermann.

Mit Fotos von Hans Grunert, Renate von Mangoldt,
Isolde Ohlbaum &
Maria Rama.
Fotos: Maria Rama / Archiv Stiftung Akademie der Künste Berlin & Archiv Mari von Bebenburg.
»Am Anfang steht immer ein Erlebnis... «
(Günter Grass)
Zusammengestellt von
Uwe Herms.

Mit Beiträgen von Pitt von Bebenburg, Gottfried Erb, Wil Frenken, Dieter Fringeli, Wolfgang Frühwald, Gerd Haffmans, Sven Hanuschek, Uwe Herms, Bernd Kebelmann, Werner Klippert, Heribert Offermanns, Heiko Postma, Walter E. Richartz, Karl Riha, Michael Schulte, Robert Stauffer, Gert Ueding, Urs Widmer & Walter Zimbrich.
Mit Fotos von Walter E. Richartz & Zeichnungen von Tatjana Hauptmann.


EIN JOURNAL,
»DAS ALLE HABEN MÜSSEN, DIE ÜBER GESCHMACK VERFÜGEN!«

»Am Anfang steht immer ein Erlebnis... « (Günter Grass)
Foto: Hans Grunert Madrid im Januar 2006: Korrekturlesen der Fahnen zu -Beim Häuten der Zwiebel-.
© Hans Grunert
  "Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet sein möchte, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buchstab ablesbar steht: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt."
Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel.

Es ist klar, wer die Welt noch einmal erfinden will, muß auf Einsprüche gefaßt sein, immer findet sich ein knurriger Kret, das heißt ein nörgelnder Schlingel, der etwas auszusetzen hat. Einen schlichten Kret mag man noch hinnehmen, bedenklicher aber wird es, wenn man es mit einem, wie Du ihn nennst, Schorfkret zu tun hat, denn das ist ein eigensinniger Lorbaß, der sich mit Treuherzigkeit tarnt.
Ärgerlich - und oft mehr als ärgerlich - reagiert man schließlich, wenn sich ein sogenannter Zankdeiwel hervortut, auf hochdeutsch: streitlüsterner Teufel, der sich mit nuscht zufrieden gibt, der immer weiß, wie etwas zu sein hat, und der sich, wenn's not tut, beim Zerkoddern und Zerpliesern auf einen gewissen Lessing beruft.
Siegfried Lenz: Zellack zum Beispiel

»He! Schau mich mal an! Ich meine richtig!« (Walter E. Richartz)
Empfang des Diogenes Verlages im Zürcher Zunfthaus zur Meisen (1977). V.l.n.r.: Hans Wollschläger, Jürgen Lodemann, Walter E. Richartz, Urs Widmer und Herbert Rosendorfer. Foto: Archiv Diogenes / Archiv M.v.B. 2007. Am 6. November 1960 bestieg in New York der Chemiker Dr. Walter von Bebenburg das Passagierschiff M.S. Bremen, um nach dreijährigem Forschungsaufenthalt heimzukehren - aus den Vereinigten Staaten, aus dem Mittleren Westen, aus Columbus / Ohio. Mit sich führte er zukunfthaltige Schätze: das schwammartig aufgesogene Amerikanisch, die vehementen Reisenotizen, die selbst entwickelten Fotografien. Zu den amerikanischen Erfahrungsschätzen gehörten: Das unorthodoxe wissenschaftliche Arbeitsgebaren. Die leichtgängigen Umgangsformen. Die leidenschaftlich erkundete Jazz- und Kultur-Szene... Mithilfe der amerikanischen Welterfahrung katalysierte sich der Chemiker zum Schriftsteller... In den Tagebüchern - Tausende von Seiten - und literarischen Erprobungen formulierte von Bebenburg seine Doppelbegabung zur Doppelexistenz als Ausdruckform der einen und ganzen Persönlichkeit, die im bürgerlichen Erwerbsleben als gespaltene auftreten mußte. Die tägliche Niederschrift bei allen Gelegenheiten wurde für ihn zum therapeutischen Lebensmittel, er stellte fest, daß er nach der Hochleistungsarbeit in Büro und Labor zwar nicht müde, aber »leer« sei. Diese Leere, diese Ausgelaugtheit, verbunden wohl mit dem horror vacui, verlangte nach Druckausgleich und saugte Sprache in literarischer Gestalt an.
Uwe Herms: Alles von eigener Hand, auch der Tod. - Leben, Arbeit, Glück und Ende des Schriftstellers Walter E. Richartz (1927-1980). Aus: »die horen«, Band 227/2007.

 

 "die horen", Band 227:  

Cover horen 227 D O P P E L - T A L E N T E :
GÜNTER GRASS & WALTER E. RICHARTZ /
HOMMAGE und MEMORIAL.

Herausgegeben von Johann P. Tammen.


Teil 1: Günter Grass - Eine Hommage / Zusammengestellt von Helmut Frielinghaus & Harro Zimmermann. Mit Fotos von Hans Grunert, Renate von Mangoldt, Isolde Ohlbaum & Maria Rama.

Teil 2: Walter E. Richartz - Ein Memorial / Zusammengestellt von Uwe Herms.
Mit Fotos von Walter E. Richartz & Zeichnungen von Tatjana Hauptmann.

"Sie hätten im Jahre 2007 gemeinsam den 80. Geburtstag feiern können, der fünf Monate ältere Walter E. Richartz und der Nobelpreisträger Günter Grass", so verdeutlicht Uwe Herms einen Aspekt der auf den ersten Blick verblüffenden Konzeption des aktuellen horen- Bandes, der die prominent verfasste Hommage für Günter Grass absichtsvoll unkommentiert mit einem Leben und Werk ausleuchtenden Memorial für Walter E. Richartz, einem beinahe vergessenen Unvergeßlichen, verknüpft. Zwei heute nahezu konträr im literarischen Bewusstsein verankerte Angehörige des Jahrgangs 1927, beide berührt und geprägt vom Krieg und den Kriegsfolgen, beide - wie sich später zeigte - imponierende Doppel-Talente, markant engagiert und so gleichermaßen den Künsten wie den Widerspruch provozierenden Wirklichkeiten in Staat und Gesellschaft zugewandt. "Gewiß hätten sie über sprachlich-ästhetische Differenzen klönen können", vermutet Uwe Herms, "sehr wohl aber auch über unerkannte Verwandtschaften ihrer literarischen Phantasiearbeit und Weltsicht." Ja, gewiß: hätten sie. Aber dazu kam es nicht. "Richartz starb mit 52 Jahren, in Verzweiflung und von eigener Hand."

Richartz, zunächst unter bürgerlichem Namen (Walter von Bebenburg) bekannt, war promovierter Chemiker, Inhaber mehrerer Patente, zeitweilig forschend tätig für die Pharmazeutische Industrie. "Was bei Grass die bildnerische Arbeit für die literarische war, bedeutete für Bebenburg-Richartz die naturwissenschaftliche im Angestelltenzusammenhang: sie fungierte als Inspirationsquell und Katalysator beim Schreiben", erklärt Herms. Und vor dieser Folie erfüllt sich dann möglicherweise auch das Konzept der horen-Redaktion für diesen Band als ein Ineinandersprechen von Doppelung und Spiegelung, das erhellt, wie wenig das eine (keineswegs schon abgeschlossene) Lebenswerk zu den Akten zu geben ist und wie viel weniger das andere -vielfach bemerkenswerte- Qeuvre (bestehend aus Romanen, Erzählungen, Essays, Hörspielen und Übersetzungen, entstanden in nicht einmal zwei Jahrzehnten) von der Waagschale zu nehmen ist.

Die Hommage für Günter Grass und das Memorial für Walter E. Richartz rufen beider schöpferisches Tun - fast so als wäre es ein Gleichgewicht - in unsere Gegenwart, in der wir als unvoreingenommene Leser mit eigener Urteilskraft zuhause sind. Der Erkenntnisgewinn dürfte so ein tatsächlich doppelter sein.

PRESSESTIMMEN:

"Richartz war eine Doppelbegabung, wie sie in der Gegenwartsliteratur selten geworden ist. Als Dr. Walter von Bebenburg hat er viele Jahre in den Forschungsabteilungen der Pharmazeutischen Industrie gearbeitet und sich seiner naturwissenschaftlichen Karriere gewidmet. Während eines Forschungsaufenthalts in den Vereinigten Staaten verwandelte er sich dann zum Schriftsteller mit dem Pseudonym Walter E. Richartz, der in seinen Romanen den Zusammenprall naturwissenschaftlicher Hybris mit einer entzauberten Welt thematisierte... Diesem großen Schriftsteller hat nun die Literaturzeitschrift `die horen` ein umfangreiches Dossier gewidmet, das nebst exzellenten Essays und Porträts über den Autor viele unveröffentlichte Texte von Richartz enthält... Nach einem Dutzend Romanen und Erzählungen landete er im Alter von 52 Jahren beim "blanken Entsetzen": "Mir dröhnt der Kopf, mein ganzes Inneres ist wund und bloß, ich find keinen Ausweg, nur immer neue Schwierigkeiten..."

Michael Braun, Saarländischer Rundfunk. - Siehe auch unter www.poetenladen.de

 

"Der promovierte Chemiker nutzte seine Kenntnisse und Erfahrungen in der Pharmaindustrie als `Inspirationsquell und Katalysator beim Schreiben`(Uwe Herms)... In Erinnerungen von Freunden und Weggefährten (Uwe Herms, Karl Riha, Urs Widmer) taucht Richartz als Vielbegabter, aber `Verlorener` in seiner Zeit auf. Einen brillanten Essay dazu schrieb Wolfgang Frühwald über den `freiwilligen Tod der Dichter`: ein kenntnisreicher und sensibler Versuch, neben persönlichen Gründen die Zeitursachen für den `freiwilligen Tod` vieler Schriftsteller herauszufiltern..."

Karl Greisinger, Augsburger Allgemeine

 

"Breiten Raum nimmt in diesem Band auch das Memorial von und für Walter E. Richartz ein, dessen Leben, Arbeit, Glück und letztlich Tod von eigener Hand der Literaturwissenschaftler und Autor Uwe Herms würdigt. Gleichsam als Pendant zur dominierende Figur des `Blechtrommel`- und `Zwiebel`-Autors führen `die horen` hier einen eher leise arbeitenden Wahrheitssucher vor, der von Hause aus eigentlich ein renommierter Chemiker ist, sich aber als Schriftsteller gegen Zeit und Umwelt wendet. Letztlich wird der Vielbegabte, der im Band auch vielfach selbst zu Wort kommt, dann zu einem großen Verlorenen..."

G. Bastian, Nordsee-Zeitung

 

"Die größte Differenz zwischen beiden Männern bleibt indes, dass Grass heute seinen 8o Geburtstag feiern kann, Walter E. Richartz dagegen nicht. Er schied 198o aus dem Leben, von eigener Hand... Aus gutem Grund sind in dem Band neben einigen Würdigungen viele Texte von Richartz versammelt, die den heute fast vergessenen Schriftsteller wieder sichtbar machen... Aus seiner Fronarbeit am Wort entstand ein Werk, das bislang zu wenig Aufmerksamkeit erfahren hat..."

Stephan Cartier, Radio Bremen - Nordwestradio

 

 

 "die horen", Band 226:  

Cover horen 226 ERZÄHLUNGSWÜRDIGKEITEN /
Vom Erfinden der Wahrheit - und andere Künste.

Zusammengestellt von Johann P. Tammen /
Mit Bildern von Eva Brexendorf & Fotos von Isolde Ohlbaum.

Nicht zum ersten Mal verweist Jürgen Dierking in den "horen" mit kundigem Übersetzerblick auf den hierzulande immer noch viel zu wenig bekannten nordamerikanischen Erzähler Charles Baxter, den er im aktuellen "horen"-Band -im Vorspann zu seiner Textauswahl- als einen überaus luziden Essayisten und einen stilistisch wie handwerklich brillanten Erzähler rühmt.Charles Baxter. Foto: Keith E. Johnson

Dierking sieht in Baxter berechtigterweise einen Nachfahr Sherwood Andersons, der darauf beharre, dass eben diese Bürger, die "Helden" seiner Erzählungen und Romane, die er mit großem Erbarmen schildere, in ihrer je eigenen und rühmlich auffälligen Weise durch ihre "Erzählungswürdigkeit" in den Focus seines Schreibens geraten würden.

Und von eben solchen Erzählungswürdigkeiten erfahren "horen"-Leser im wiederum buchdicken neuesten "horen"-Band allerlei mehr, wobei der Rote Faden dieser facettenreich komponierten Textsammlung einsichtig auch durch den Untertitel "Vom Erfinden der Wahrheit - und andere Künste" seine Kenntlichkeit gewinnt.

Seit vielen Jahren miteinander befreundet, wenngleich sie sich -wie sie beteuern- viel zu selten sehen, sind die Gleichaltrigen Charles Baxter und Paul Auster: Im aktuellen "horen"-Band bestreiten sie denn auch ihren gutnachbarlichen Part. - Thomas Stölzel widmet sich dem Leben und dem Werk Austers, indem er dessen Suche nach dem eigenen Vater umkreisend schildert, befragt und kommentiert. Stölzel: "Die Welt seines Vaters bleibt dem Sohn rätselhaft und merkwürdig uneinsehbar."
Austers Suche bringt schließlich Ungeheuerliches an den Tag: "Meine Großmutter hat meinen Großvater ermordet. Genau sechzig Jahre, bevor mein Vater starb ... hat seine Mutter in der Küche ihres Hauses seinen Vater erschossen." - Austers "Portrait eines Unsichtbaren", Stölzel erhellt das auf faszinierende Weise, ist wohl auch erst dadurch stimmig zu gestalten gewesen, dass er sich als Autor der Notwendigkeit bewusst wurde, die Wahrheit "erfinden" zu müssen, ohne dabei die Fakten aus dem Auge zu verlieren.

Lizzie Doron. Foto: Sandelmann / Archiv Jeanette-Schocken-Preis – Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur. In ihrer Laudatio auf Lizzie Doron, die kürzlich für ihr bisher veröffentlichtes Werk den "Jeanette Schocken Preis - Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur" erhielt (den vor ihr u.a. Hanna Krall, Louis Begley, Imre Kertész und Tuvia Rübner zugesprochen bekamen), erinnert Gabriele von Arnim eine Interview-Aussage Alain Resnais`, der über seinen berühmten Film "Nacht und Nebel" sagte: " ...er evoziert das Vergangene eher, als es zu rekonstruieren". - " Das Wahre zu erfinden sei besser als es nur zu kopieren", notiert dazu Gabriele von Arnim: "Das Wahre erfinden. Das hat auch Lizzie Doron getan." "Eigentlich", so Gabriele von Arnim, "schreibt Lizzie Doron über das Schweigen. Das Schweigen ihrer Mutter und der anderen, die "von dort" kommen. Ein beredtes, ein erschütterndes Schweigen. Das man als Leser spürt. Das sich dunkel über uns legt. Schwer und atemnehmend. Es ist die Kunst der Autorin, das Schweigen nicht anzutasten und doch transparent werden zu lassen. Man ahnt, man weiß, man bangt."
Und auch Uwe Timm thematisiert in seiner Laudatio auf Gerd Fuchs, gehalten anlässlich der Verleihung des "Italo Svevo Preises", dieses Schweigen beziehungsweise das Nichtverschweigendürfen: "Denn auch was noch dem kommunikativen Gedächtnis zugänglich wäre, kann, wird es kollektiv verdrängt, erdgeschichtlich fern werden... Es ist eben nicht selbstverständlich, die Erinnerung sprechen zu lassen, wenn niemand mehr Zeugnis ablegen kann."

Die Erinnerung sprechen läßt die "horen" - Redaktion auch anläßlich des Todes von Wolfgang Bächler, dem Anerkennung nicht unbedingt rundum versagt blieb, der weit mehr jedoch verdient gehabt hätte, vor allem die der Leser. Er nannte sich selbstironisch einen "unsteten Einzimmerbewohner" und sah sich als "ein Publizist zwischen zwei Stühlen... ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum" - und war doch ein Großer, einer, um den jetzt zu trauern ist.
So wie in großer Erschütterung auch um Wolfgang Hilbig. Marie-Luise Bott erinnert mit ihrer Spurensuche zum Gedicht "Mittag" (aus dem Band "Bilder vom Erzählen", für den Hilbig mit dem Huchel-Preis ausgezeichnet wurde) an den Dichter, der am 2. Juni d.J. in Berlin verstarb. Schon in einem Gespräch mit ihr im Juni 2002 habe Wolfgang Hilbig zu ihr gesagt: "Ich bin alt", und: "Ich habe nicht mehr viel Zeit." --- Marie-Luise Bott: "Daß es nur fünf Jahre noch waren, bestürzt."

 

 

"DAS MÄRCHENHAFTE IST DIE BEINAH BELIEBIG
VOLLZIEHBARE KOMMUNIKATION ALLER MIT ALLEN ...
DAS GLÜCKLICHE ENDE ..."
FRANZ FÜHMANN

 "die horen", Band 225:  

Cover horen 225 MUTABOR oder Ich rieche, rieche Menschenfleisch / Märchenland, Anderland.
Zusammengestellt von Jürgen Krätzer & Katja Lange-Müller /
Mit Bildern von Samuel Bak, Hans Schreib & Annette Schröter.

Aus dem Editorial:

    Die scheinbar so einfachen, wenngleich wirklichkeitsfremden, widersinnigen und doch völlig logischen Märchen haben uns in der Kindheit geprägt, oft waren sie verbunden mit der Stimme der Mutter oder des Vaters, Vorlesende auf dem Bettrand, und, als wir selbst zu lesen anfingen, unsere erste Lektüre. Denn Märchen thematisieren das Existentielle; es geht um Leben und Tod, ums Gewinnen oder Verlieren, und immer siegt am Ende der oder die Gute. Und wir konnten fragen: Ist Köhler Peter aus dem »Kalten Herz« der Mann von nebenan oder heißt unser Nachbar bloß ebenso? Was ist ein Spinnrad? Und, ganz wichtig, woran erkennt man Hexen oder Feen? In den Märchen gibt es Figuren, Gegenstände, Wörter, die längst nicht mehr zu unserm Alltag gehören und gerade deshalb die Phantasie enorm beschäftigten und uns ganz nebenbei - wie durch die in ihnen geschehenden Wunder - unsere »kulturellen Wurzeln« lebendig machen...

    Auch und gerade, wenn wir nicht mehr an sie glauben, obwohl oder weil wir die ihnen zugrunde liegenden Wahrheiten verstanden haben, beschäftigen uns die Märchen weiter, erfaßt uns manchmal das Bedürfnis, die eine oder andere Märchengestalt, der wir uns womöglich verwandt fühlen, umzudeuten, ihre Handlungsweise so zu lesen, daß sie sympathischer oder zumindest verständlicher wird...

    Die Märchenmotive werden immer wieder zitiert, gedreht, abgewandelt, von düsteren Varianten wie etwa Franz Fühmanns späte Märchen sie darstellen, bis zu absurden Potpourris, wie sie uns Karel Capek vorsetzte: »Es war einmal eine schöne Prinzessin, die hatte an jedem Haar einen goldenen Schuh...«

    Grund genug, die schreibende Zunft einzuladen, jene Spielwiese zu betreten und neu zu bestellen, sie umzugraben und anderes einzupflanzen, auch, wenn es denn sein muß, längst Bekanntes genetisch zu manipulieren. Oder sich einfach in den Schatten zu legen, zum Träumen, Räsonnieren oder um bunte Sprechblasen aufsteigen zu lassen.

 

»Indessen lernt nicht ein Kind seine erste Weisheit und
Sittenlehre durch Märchen?«   Johann Gottfried Herder

Mit Beiträgen von Wilhelm Bartsch, Marcel Beyer, Thomas Böhme, Volker Braun, Róza Domašcyna, Ulrike Draesner, Kurt Drawert, Elke Erb, Ulla Hahn, Peter Härtling, Wolfgang Hegewald, Werner Heiduczek, Kerstin Hensel, Franz Hodjak, Andreas Jungwirth, Uwe Kolbe, Katharina Krasemann, Judith Kuckart, Günter Kunert, Katja Lange-Müller, Dieter P. Meier-Lenz, Beate Mitzscherlich, Emine Sevgi Özdamar, Heiko Postma, Monika Rinck, Kathrin Schmidt, Franziska Sperr, Siegfried Stadler, Klaus Stadtmüller, Brigitte Struzyk, Hans Thill, Hans-Ulrich Treichel & Julia Veihelmann.
Porträt Michael Ende © Isolde Ohlbaum
© Isolde Ohlbaum
horen Podium: Michael Ende: »...daß der Umweg über Phantasien unerlässlich ist...« / Briefe aus dem Nachlaß. Jürgen Krätzer: Franz Fühmann - Die Richtung der Märchen. Franz Fühmann: »Sie werden ihnen die Sonne stehlen.« / Briefe aus dem Nachlaß. Franz Fühmann: Von dem Machandelboom - Ein Hörspiel / Nach Philipp Otto Runge und den Gebrüdern Grimm - Aus dem Nachlaß. Porträt Franz Fühmann © Barbara Richter-Fühmann
© Barbara Richter-Fühmann

»Nie habe ich das Märchenwort meiner Mutter vergessen,
nie den Hauch von ihren Lippen ...«  Wolfgang Koeppen

 

 

 "die horen", Band 224:  

Cover die horen Band 224


NACHRICHTEN AUS DEN TERRITORIEN DER UNERSCHÖPFLICHKEIT /
Nachgerufenes - Herbeigerufenes - Unwiderrufenes /
Zusammengestellt von Johann P. Tammen -
Mit Fotos von Isolde Ohlbaum.

Ein Memorial für Oskar Pastior!

 
 

»Oskar Pastior war ein Verführer, ein Liebender, den viele lieben, ein Freund auch, verläßlich bis in die unanzweifelbare Genauigkeit des kritischen Urteils.«, so unterstreicht es Herbert Wiesner in seinem horen-Nachruf (»Oskar Pastior - Dichter des Sinns und der Sinnlichkeit«). Und so, mit der bemerkenswerten Vielheit seiner poetischen Findungen und Erfindungen, seinen »wunderbaren, kritisch und rational erarbeiteten Zauberspielen« sei er »der Doyen der Poesie geworden«.
Wiesners Nachruf eröffnet im horen-Band 224 einen rühmenden Reigen Trauer widerspiegelnder Widmungs- und Erinnerungstexte ihm naher und ihn verehrender Dichterfreunde, ergänzt um die Totenreden von Klaus Reichert (»Er brauchte der Welt nichts mehr zu beweisen«) und Ernest Wichner (»Alles steht in seinen Texten«) und ein umfangreiches »ALBUM FÜR OSKAR« mit Porträts und Reiseimpressionen Pastiors aus den zurückliegenden dreißig Jahren von Isolde Ohlbaum:

Porträt Oskar Pastior © Isolde Ohlbaum
© Isolde Ohlbaum
PASTIOR LESEN!
Mit Beiträgen von Urs Allemann, Constantin Virgil Banescu, Marcel Beyer, Bora Cosic, Zsuzsanna Gahse, Michelle Grangaud, Bodo Hell, Uwe Herms, Ursula Krechel, Friederike Mayröcker, Herta Müller, Klaus Reichert, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Christina Weiss,
Ernest Wichner & Herbert Wiesner.

Und Pastior ist es auch, der die horen-Leser hinüberlockt in einen zweiten - von Nicole Henneberg zusammengestellten Widmungsteil dieses horen-Bandes, wenn er in seinem Gedicht »vielleicht« Helmut Heißenbüttel herbeiruft und dort in der Schlußzeile mit der appellativen Wendung mahnt und wünscht: »- und bleiben wir doch bitte im anflug«.
Auch Heißenbüttel, der vor zehn Jahren in Glücksburg verstarb, ist den horen-Machern als »einer, der fehlt« eine besondere Würdigung wert:

HEIßENBÜTTEL HERBEIGERUFEN:
Mit Beiträgen von Urs Allemann, Jörg Drews, Zsuzsanna Gahse, Ludwig Harig, Claus Henneberg, Nicole Henneberg, Brigitte Kronauer, Friederike Mayröcker, Oskar Pastior, Ulf Stolterfoht, Richard Wagner & Paul Wühr. - Mit Fotos aus dem Nachlaß von Helmut Heißenbüttel.

Porträt Helmut Heißenbüttel © Isolde Ohlbaum
© Isolde Ohlbaum
»Heißenbüttel heute zu lesen bedeutet vor allem, sich seiner klaren Begrifflichkeit zu überlassen und wieder Boden unter den Füßen zu spüren«, erklärt Nicole Henneberg, »denn er bringt im Gedicht wie im Essay das Kunststück fertig, schlüssige und strenge Sätze zu formulieren, die gleichzeitig völlig offen sind - als wären sie ein Gebäude von Mies van der Rohe.« »Heißenbüttel entgrenzte alle unserer Vorstellungen«, erinnert Jörg Drews (»196o und die Folgen«): »Sowas hatte ich noch nie gehört, das haute mir das ganze spät- oder postbennsche poetische System auseinander, aber wie Heißenbüttel das ruhig und nur bisweilen mit seinem Armstumpf im Jackenärmel wedelnd vortrug, machte es den größten Eindruck von Lakonik und Modernität.«

Heißenbüttel wiederum baut auch die Brücke zu einem dritten Herbeigerufenen, zu Wolfgang Koeppen (»abc Ballade« - Wolfgang Koeppen gewidmet): Er wäre 2006 hundert Jahre alt geworden. Hanne Kulessa erinnert an ihn mit der Legende zu einem 1987 geführten Interview und der selbst erlebten Herausarbeitung einer »Romanfigur« durch den Interviewten. Koeppen: » Ich lasse mich nicht gern in einen Zettelkasten packen ... Der Schriftsteller ist ein Proteus... Er ist kontaktarm und kontaktsüchtig. Er ist ein Beobachter, ein Voyeur ... Aber Schriftsteller hin, Schriftsteller her, ich halte mich manchmal für die Romanfigur...« Porträt Wolfgang Koeppen © Hanne Kulessa
© Hanne Kulessa

Fernando Pessoa Aber neben diesen Dreien - Pastior, Heißenbüttel, Koeppen - bevölkern noch mehr als ein Dutzend rühmliche Autoren die Porträt- und Essaylandschaft dieses horen-Bandes: Beckett, Pessoa und Emily Dickinson in Betrachtungen von Hans-Jürgen Heise; Gennadij Ajgi in der Übersetzung Walter Thümlers mit einem von Ute Ludwig bebilderten Gedichtzyklus (»Bilder inmitten der Stadt«); Elke Erb, Henning Ziebritzki und Wolfgang Eschker mit neuen Gedichten; Richard Pietraß unter der Lupe von Jürgen Engler; Christa Reinig, Guntram Vesper, Hugo Dittberner und Marion Poschmann als rühmend Porträtierte - und schließlich (als horen-Entdeckung) Wopko Jensma und Athol Fugard aus Südafrika in Beiträgen von Klaus Stadtmüller: Lesefutter wie aus einem Füllhorn.

 


        

 

Balken Als Novität im Hörbuch-Angebot der "horen" sehr zu empfehlen:

horen hören / Poesie & Musik / Texte aus 50 Jahrgängen der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik gelesen von Gert Heidenreich, Heiko Postma & Johann P. Tammen /
Mit Kompositionen von Vitold Rek. "edition die horen" 9.80 Euro.